"Wenn die theologische Grundlagenforschung die Medien und vor allem ihre Implikationen außer Acht läßt, läuft sie Gefahr, der veränderten Sprech- und Hörsituation, aber auch der veränderten Seins-Situation nicht mehr gerecht zu werden und damit an Substanz zu verlieren." (Wessely, 10)
Der vorliegende Band bündelt Konferenzbeiträge zum Buchtitel-Thema. Bereits auf der Referenten-Ebene wurde der Dialog mit der zeitgenössischen Informationsphilosophie aufgenommen. Heftig diskutierte Vertreter wie Michael Heim ("The metaphysics of virtual reality", 1993; "Virtual Realism", 1998) und Stephen Talbott ("The future does not compute", 1995) waren angereist.
Wichtige Anstöße bieten vor allem die Beiträge von Franz Böhmisch über "Digitale Genesis", von Elisabeth Kraus über "Virtualität und Religiosität in der Science Fiction", von Elisabeth List zu philosophiegeschichtlichen Hintergründen von cyberplatonism und von Beate Grossegger über den faktischen (statt von Erwachsenen fiktionalisierten) Umgang Jugendlicher mit Neuen Medien.
Teilhard de Chardins medienphilosophischer Revival: Franz Böhmisch leistet aus alttestamentlicher (und fundamentaltheologischer) Perspektive einen wichtigen Beitrag darin, daß er wichtige theologische Anknüpfungspunkte für den Dialog mit Medienphilosophien des Cyberspace herausstellt ("Digitale Genesis", 135-151). Hierzu zählt ein Wahrnehmen, wie die Theologie Teilhard de Chardins in säkularisierter Form medienphilosophisch Karriere gemacht hat. Eine zentrale Rolle spielt dabei Teilhards Begriff der "Noosphäre" (vgl. 138f). Medientheoretiker wie Marshall McLuhan und dessen Schüler Walter J. Ong, SJ, adaptierten dieses Konzept und legten damit den Grundstein für die Esoterik der Digitalszene. McLuhan spricht von einer 'kosmische[n] Membran, die sich durch die elektrische Erweiterung unserer versch Sinne rund um den Globus gelegt hat. Diese Hinausstellung unserer Sinne schuf das, was Teilhard de Chardin die 'Noosphäre' nennt: ein technisches Gehirn für die Welt.'" ("Die Gutenberg-Galaxis", zitiert bei Böhmisch, 138f)
Science Fiction, Techno-Spiritualität, und "flatlined" Körper: Die Anglistin Elisabeth Kraus vertieft das Thema von "Virtualität und Religiosität in der Science Fiction" (65-78). Hierbei stellt sie die Aktualität von zwei wichtigen Geschichtenerzählern der Cyberkultur heraus: Philip K. Dick und William Gibson. Kraus versteht Science Fiction als Allegorisierungen von Science. Konzepte werden in Erzählform in eine gestaltete Lebenswelt übertragen. Der amerikanische SF-Autor Philip K. Dick (1928-1982) sagte über sich selbst: "I am a fictionalizing philosopher, not a novelist." (bei Kraus, 69)
Dick verstarb zwar vor der VR-Technologie. Doch seine Geschichten sind nach wie vor wirkungsvoll für Phantasien über Cyberspace und lieferten z.B. die Skripte für Kinofilme wie "Blade Runner" und "Total Recall". Sein Leitthema war: (politisch verbrecherische) Manipulation von Realität, Halluzination, Illusion, Mehrfach-Welten. Wobei er sich, als VR-Vorläufer, existentiell vor allem durch exzessive Drogenexperimente existentiell der Realitätsfrage annäherte. Auch für ihn wurde übrigens Teilhards Konzept der Noosphäre grundlegend. Dick selbst verfaßte eine 8.000seitige "Exegesis", in der er seine Auffassungen über Realität und Überirdisches, Sinn und Ziel des Universums niederschrieb.
William Gibson, Urvater des Cyberpunk mit seiner Trilogie "Neuromancer" (1984), "Count Zero" (1986) (dt. "Biochips") und "Mona Lisa Overdrive" (1988) mag für Theologen besonders darin interessant sein, daß er als Fiktionalist des Cyberspace das Thema des Körpers berücksichtigte. Zwar verachtet der Hauptheld in "Neuromancer", Cyberspace Cowboy, seinen verwundbaren Körper a la Hans Moravec als "meat". Doch Gibson reflektiert den Preis für eine geistige Fusion mit dem Cyberspace: Der Held riskiert die Selbstauflösung in die totale Digitalisierung mit dem Tod - er ist während seinem online-Sein "flatlined", riskiert einen lebensbedrohenden Herzstillstand.
Erwachsene Mythen über Jugendliche: Beate Großeggers empirisch orientierter Beitrag "Jugend zwischen Multimedia & My Media" (175-188) ist allen Kulturpessimisten mit bewahrpädagogischen Ambitionen zu einer Entmythologisierung der Diskussion anzuempfehlen.
Die Jugendforscherin Großegger geht den Mythen über Jugendgefährdung durch Neue Medien empirisch nach. Sie trägt zugleich manch Überraschendes zum Medienkonsum Erwachsener bei. Bei der Pathologisierung des jugendlichen Medienkonsums z.B. im 'Vielsehersyndrom' erweist sich, daß es sich um eine Projektion aus der Erwachsenenwelt handelt. Gerade in der Jugendphase wird am wenigsten ferngesehen. Theologen sollten bei der Debatte ihre ggf. generationsbedingten Vorurteile mitbedenken. Denn es ist ebenso empirisch erwiesen, daß die Reserviertheit gegenüber der multimedialen Entwicklung klar mit zunehmendem Alter wächst.
Der entleiblichte Geist = Gott?: Böhmisch und der Medienphilosoph Michael Heim profilieren für eine weitere theologische Diskussion den Begriff "Avatar" unter verschiedenen Aspekten. Avatare sind animierte Grafiken, mit deren Hilfe Surfer in kommunikativ-vernetzten 3-D-Umwelten in Echtzeit 'inkarnieren' können. Die theologische Herausforderung ist bereits durch die Begriffswahl vorgegeben. Denn: "Im Hinduismus bezeichnet er das Gestaltwerden der Götter. Das Verb avatâra meint den Herabstieg eines Gottes, insbesondere von Wischnu in Gestalt des Krischna. Diese Bezeichnung für die Emanation des Gottes Wischnu, die auf Erden wandelt, stand Pate für die Benennung eines Stellvertreter des Menschen im Netz." (Böhmisch, 137) Theologisch bündeln sich bereits terminologisch im Begriff Avatar Anfragen aus der Gotteslehre und der Anthropologie: Ist der entleiblichte (und perfektionierte) Geist Gott?
Nötige Weiterarbeit: Das Buch lädt inhaltlich und formal zur Weiterarbeit ein. Schon die Beiträge haben recht unterschiedliche Form und Qualität - vom quellenbezogenen Grundsatzartikel bis zum kommentierten Thesenpapier oder Essay. Wegweisend wird am ehesten die theologische Spurenaufnahme und 'Verlinkung' zwischen medienphilosophischem und theologischem Diskurs sein wie bei den Leitbegriffen von Teilhards/McLuhans Noosphäre/Noosphere, Avatar und philosophiegeschichtlichen Grundlagen.
Dabei geht mir das Buch jedoch nicht weit genug. Denn es wird wie bei den ersten Dialogversuchen zwischen Humanwissenschaften und Theologie in der Evangelischen Theologie im 20. Jahrhundert präsupponiert, die Theologie sei die kritisch erhabene und die Medienphilosophie die degeneriert zu korrigierende Seite. Die riesige (neu-)platonistische und rationalistische Altlast, mit der sich die Theologie bis einschließlich des Deutschen Idealismus vollgesogen hat, und mit der sie zeitgenössisch immer noch stark liiert ist, wird dabei blindlings übersehen. Mit diesem Balken vor der eigenen Stirn wird die Chance zur Selbstkorrektur im Dialog vertan, und es bleibt die apologetische Tendenz zu monologisch-belehrenden Kommentaren.
Eine fruchtbringende Diskussion wird erst mit einer Bereitschaft zur Infragestellung auch jahrhundertealter theologischer Reflexionsformen und mit einer medienphilosophisch kritisch inspirierten relecture der eigenen Quellen beginnen. Hierzu können medienphilosophische Infragestellungen alter Dualismen wie Subjekt/Objekt, Natur/Kultur, Materie/Geist, belebt/unbelebt etc. entscheidende Anstöße geben (vgl. Donna Haraway, "Simians, Cyborgs and Women. The Reinvention of Nature").