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Ritualmord: Der 3. Fall für Jack Caffery - Psychothriller [Gebundene Ausgabe]

Mo Hayder , Rainer Schmidt
2.9 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (36 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

"Passend zum gegenwärtigen Interesse an Magie und Religion geht 'Ritualmord' dem Aufeinandertreffen von altem Aberglauben und moderner Wissenschaft nach - mit jeder Menge Nervenkitzel und mit Gänsehautgarantie." (Guardian)

»Mo Hayder ist unübertroffen darin, das Schreckliche im Alltäglichen zu finden. Etwas Entsetzliches lauert in den Straßen von Bristol, etwas, das sich vom Fleisch und Blut anderer ernährt. Eine ungeheuer packende Geschichte, aber ich bin froh, nicht in Mo Hayders Kopf zu sitzen.« (The Observer)

"'Ritualmord' bietet alles, wofür Mo Hayder berühmt ist: meisterhaft eingesetzte Schockeffekte, herausragende Detailkenntnis, gebrochene Charaktere und zwei Protagonisten, die von ihrer Vergangenheit heimgesucht werden." (Guardian)

»Brillant. Hayder ist wieder da - und in Höchstform.« (Kirkus Reviews)

»Superb! Wer nach Nervenkitzel sucht, der einen völlig unvermittelt packt, wird nichts Besseres finden!« (Publishers Weekly)

»Machen Sie sich auf eine Menge Blut und schwarze Magie gefasst!« (Daily Mirror)

Klappentext

"Passend zum gegenwärtigen Interesse an Magie und Religion geht 'Ritualmord' dem Aufeinandertreffen von altem Aberglauben und moderner Wissenschaft nach - mit jeder Menge Nervenkitzel und mit Gänsehautgarantie."
Guardian

"Mo Hayders Romane haben etwas geradezu Raubtierhaftes verglichen mit denen anderer britischer Krimiautoren. Sie mag ja listig wie ein Fuchs sein, aber sie ist auch ganz schön furchteinflößend."
London Lite

"Düster, herzzerreißend und unwiderstehlich: Mit 'Ritualmord' kehrt nicht nur D.I. Jack Caffery wieder zurück, sondern auch eine Autorin, die mit diesem Roman erneut die Grenzen des Genres verschoben hat."
Chrishigh.com

Über den Autor und weitere Mitwirkende

Mo Hayder, 1962 in Essex geboren, verließ mit fünfzehn ihr Zuhause, um in London das Abenteuer zu suchen. Sie hat später viele Jahre im Ausland verbracht, unter anderem auch in Tokio, wo sie eine Zeit lang in einem Nachtklub arbeitete und für eine englische Zeitung schrieb. Sie studierte Filmwissenschaften an der American University in Washington D.C. und später Creative Writing an der Bath Spa University. Mit ihrem Debüt, dem Psychothriller »Der Vogelmann«, wurde sie über Nacht zur international gefeierten Bestsellerautorin. Seither hat sie ihren Ruf als brillante Spannungsautorin weiter gefestigt. Die Autorin lebt heute mit ihrem Lebensgefährten und ihrer Tochter in der Nähe von Bath.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Irgendwo mitten in der Abgelegenheit der Kalahariwüste in Südafrika, versteckt im trockenen, ockergelben Veld, liegt ein kleiner, schilfbedeckter Teich am Grunde eines Kraters. Von seiner Stille abgesehen ist er unauffällig - ein beiläufiger Betrachter würde ihn nicht weiter beachten und keinen weiteren Gedanken an ihn verschwenden. Es sei denn, er wollte darin schwimmen. Oder wenigstens einen Zeh hineintauchen. Dann würde er feststellen, dass da etwas nicht stimmt. Dass etwas anders ist.
Als Erstes würde er feststellen, dass das Wasser kalt ist. Eiskalt, genau gesagt. Von einer Kälte, die nicht auf diesen Planeten gehört. Von einer Kälte, die aus Hunderten und Aberhunderten von Jahren der Stille kommt, aus den ältesten Tiefen des Universums. Und zweitens würde er feststellen, dass er fast ohne jedes Leben ist; nur ein paar farblose kleine Fische schwimmen darin. Und zuletzt, wenn er wirklich dumm genug wäre, darin zu schwimmen, würde er das tödliche Geheimnis entdecken: Dieser Teich hat keine Uferböschung und keinen Grund - er führt in einer senkrechten, kalten Linie ins Herz der Erde. Vielleicht würde er es dann hören, das unaufhörliche Raunen in den uralten Ahnensprachen der Kalaharivölker: Dies ist der Weg zur Hölle.
Dies ist Bushman's Hole. Dies ist Boesmansgat.

13. Mai

Kurz nach der Mittagspause an einem Dienstag im Mai, drei Meter unter Wasser im Floating Harbour von Bristol, schloss Polizeitaucherin Sergeant »Flea« Marley ihre behandschuhten Finger um eine menschliche Hand. Es traf sie ein wenig unvorbereitet, sie so leicht zu finden, und sie strampelte unwillkürlich und wirbelte Schlick und Maschinenöl vom Boden auf; ihr Körpergewicht verlagerte sich, der Auftrieb nahm zu, und sie begann zu steigen. Sie musste sich nach unten neigen und die linke Hand unter die Pontontanks schieben; dann ließ sie ein bisschen Luft aus dem Anzug, bis sie so weit stabilisiert war, dass sie wieder auf den Grund hinuntersinken und sich ein bisschen Zeit nehmen konnte, um den Gegenstand zu befühlen.
Es war stockdunkel da unten, als steckte sie mit dem Gesicht im Schlamm, und unmöglich, irgendetwas zu sehen. Wie fast immer beim Tauchen in Fluss und Hafen musste sie sich ganz auf ihren Tastsinn verlassen, Geduld haben und abwarten, bis dieses Ding durch Abtasten seine Form verriet und ein Bild in ihrem Kopf entstehen ließ. Sie zählte die Finger, um sich zu vergewissern, dass es etwas Menschliches war, und stellte dann fest, welcher Finger welcher war. Zuerst der Ringfinger - er war von ihr weggekrümmt, sodass sie jetzt wusste, wie die Hand lag: mit der Handfläche nach oben. Ihre Gedanken überschlugen sich, als sie sich vorzustellen versuchte, wieder Körper liegen könnte - wahrscheinlich auf der Seite. Probehalber zog sie leicht an der Hand. Statt von einem Gewicht gehalten zu werden, ließ sie sich mühelos lösen und schwebte aus dem Schlick herauf. Wo ein Handgelenk hätte sein müssen, fühlte sie nur freiliegende Knochen und Knorpel.
»Sarge?« PC Rich Dundas' Stimme kam aus ihrem Ohrhörer. In der erdrückenden Dunkelheit klang sie so nah, dass sie erschrak. Er stand oben auf dem Kai und verfolgte ihre Aktion zusammen mit dem Leinenführer, der ihre Sicherungsleine abspulte und die Kommunikationsanzeigen im Auge behielt. »Wie kommen Sie voran? Sie sind genau über dem Hotspot. Sehen Sie was?«
Der Zeuge hatte von einer Hand gesprochen, nur von einer Hand, nicht von einer Leiche, und das hatte alle im Team beunruhigt. Keiner von ihnen hatte je erlebt, dass eine Leiche auf dem Rücken trieb; die Verwesung sorgte dafür, dass sie mit dem Gesicht nach unten schwamm und Arme und Beine im Wasser nach unten hingen. Das Letzte, was man sehen würde, wäre eine Hand. Aber jetzt hatte sich das Bild geändert: An der schwächsten Stelle, am Gelenk, war diese Hand abgetrennt worden. Es handelte sich nur um eine Hand, nicht um eine Leiche. Es war also kein Leichnam gewesen, der da gegen alle Gesetze der Physik auf dem Rücken im Wasser trieb. Trotzdem stimmte an dieser Zeugenaussage etwas nicht. Sie drehte die Hand um und verfestigte das geistige Bild von ihrer Lage, ergänzte es durch kleine Details, die sie für ihre eigene Zeugenaussage brauchen würde. Sie war nicht vergraben gewesen. Sie konnte nicht einmal sagen, dass sie im Schlick versunken war. Sie hatte obendrauf gelegen.
»Sarge? Hören Sie mich?«
»Ja«, sagte sie, »ich höre Sie.«
Sie hob die Hand auf, umfasste sie behutsam und ließ sich auf den Schlick im Hafen sinken. »Sarge?«
»Ja, Dundas. Ja, ich bin da.« »Haben Sie was?«
Sie schluckte, drehte die Hand um, sodass die Finger quer über ihren eigenen lagen. Sie sollte Dundas melden, dass sie etwas gefunden hatte. Aber sie tat es nicht. »Nein«, sagte sie stattdessen. »Nichts. Noch nichts.«
»Was ist denn da los?«
»Nichts. Ich sehe mich noch ein bisschen um. Ich sage Bescheid, wenn ich was habe.« »Okay.«
Sie wühlte einen Arm in den schmutzigen Schlamm auf dem Grund und zwang sich, klar zu denken. Als Erstes zog sie die Führungsleine sanft herunter und tastete nach der nächsten Dreimetermarke. Oben würde es so aussehen, als spulte sie sich ganz natürlich ab; es würde aussehen, als schwämme sie über dem Grund entlang. Als sie die Marke erreicht hatte, klemmte sie die Leine zwischen die Knie, um die Spannung zu halten, und legte sich in den Schlick, wie sie es ihrem Team beibrachte, wenn es darum ging, bei einer CO2-Überdosis zu ruhen: das Gesicht nach unten, damit die Maske sich nicht heben konnte, und die Knie leicht in den Schlamm gebohrt. Die Hand hielt sie dicht an ihre Stirn, als betete sie. Der Sprechfunk in ihrem Helm war still; sie hörte nur ein statisches Rauschen. Jetzt, nachdem sie das Zielobjekt gefunden hatte, konnte sie sich Zeit lassen. Sie stöpselte das Mikro an ihrer Maske ab, schloss für eine Sekunde die Augen und kontrollierte ihre Balance. Sie konzentrierte sich auf einen roten Fleck vor ihrem geistigen Auge, beobachtete ihn und wartete darauf, dass er zu tanzen anfing. Aber er tat es nicht. Blieb starr. Sie hielt sich sehr, sehr ruhig und wartete wie immer darauf, dass etwas zu ihr kam.
»Mum?«, flüsterte sie und verabscheute den hoffnungsvollen, zischenden Klang ihrer Stimme im Helm. »Mum?«
Sie wartete. Nichts. Wie immer. Sie konzentrierte sich angestrengt und drückte dabei die Knochen der Hand leicht zusammen, bis dieses fremde Stück Fleisch sich halb vertraut anfühlte. »Mum?«
Etwas drang in ihre Augen. Es brannte. Sie öffnete sie, aber da war nichts - nur das übliche stickige Schwarz der Maske, das verschwommene bräunliche Licht auf dem Schlick, der vor der Sichtscheibe schwebte, und das alles umhüllende Geräusch ihres eigenen Atems. Sie kämpfte mit den Tränen, und am liebsten hätte sie es laut gesagt: Mum, bitte hilf. Ich habe dich letzte Nacht gesehen. Ich habe dich gesehen. Und ich weiß, du willst mir etwas sagen - ich kann dich nur nicht richtig hören. Bitte sag mir, was es ist.
»Mum?«, flüsterte sie und schämte sich: »Mummy?«
Ihre eigene Stimme kam zurück, und das Echo hallte in ihrem Kopf, aber jetzt klang es nicht wie Mummy, sondern wie Idiot, du Idiot. Schwer atmend legte sie den Kopf zurück und wehrte sich gegen die aufsteigenden Tränen. Was erwartete sie? Warum kam sie zum Weinen immer hierher, unter Wasser? Es gab keinen schlechteren Ort dafür - zum Weinen unter einer Maske, die sie nicht abnehmen konnte wie ein Sporttaucher. Vielleicht war es naheliegend, dass sie sich Mum an einem solchen Ort näher fühlte, aber da musste mehr dahinterstecken. So weit sie zurückdenken konnte, war das Wasser immer eine Umgebung gewesen, in der sie sich konzentrieren konnte. Wo eine Art Friede heraufschwebte - als könnte sie hier unten Kanäle öffnen, die oben verschlossen blieben.

Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Irgendwo mitten in der Abgelegenheit der Kalahariwüste in Südafrika, versteckt im trockenen, ockergelben Veld, liegt ein kleiner, schilfbedeckter Teich am Grunde eines Kraters. Von seiner Stille abgesehen ist er unauffällig - ein beiläufiger Betrachter würde ihn nicht weiter beachten und keinen weiteren Gedanken an ihn verschwenden. Es sei denn, er wollte darin schwimmen. Oder wenigstens einen Zeh hineintauchen. Dann würde er feststellen, dass da etwas nicht stimmt. Dass etwas anders ist.
Als Erstes würde er feststellen, dass das Wasser kalt ist. Eiskalt, genau gesagt. Von einer Kälte, die nicht auf diesen Planeten gehört. Von einer Kälte, die aus Hunderten und Aberhunderten von Jahren der Stille kommt, aus den ältesten Tiefen des Universums. Und zweitens würde er feststellen, dass er fast ohne jedes Leben ist; nur ein paar farblose kleine Fische schwimmen darin. Und zuletzt, wenn er wirklich dumm genug wäre, darin zu schwimmen, würde er das tödliche Geheimnis entdecken: Dieser Teich hat keine Uferböschung und keinen Grund - er führt in einer senkrechten, kalten Linie ins Herz der Erde. Vielleicht würde er es dann hören, das unaufhörliche Raunen in den uralten Ahnensprachen der Kalaharivölker: Dies ist der Weg zur Hölle.
Dies ist Bushman's Hole. Dies ist Boesmansgat.

13. Mai

Kurz nach der Mittagspause an einem Dienstag im Mai, drei Meter unter Wasser im Floating Harbour von Bristol, schloss Polizeitaucherin Sergeant »Flea« Marley ihre behandschuhten Finger um eine menschliche Hand. Es traf sie ein wenig unvorbereitet, sie so leicht zu finden, und sie strampelte unwillkürlich und wirbelte Schlick und Maschinenöl vom Boden auf; ihr Körpergewicht verlagerte sich, der Auftrieb nahm zu, und sie begann zu steigen. Sie musste sich nach unten neigen und die linke Hand unter die Pontontanks schieben; dann ließ sie ein bisschen Luft aus dem Anzug, bis sie so weit stabilisiert war, dass sie wieder auf den Grund hinuntersinken und sich ein bisschen Zeit nehmen konnte, um den Gegenstand zu befühlen.
Es war stockdunkel da unten, als steckte sie mit dem Gesicht im Schlamm, und unmöglich, irgendetwas zu sehen. Wie fast immer beim Tauchen in Fluss und Hafen musste sie sich ganz auf ihren Tastsinn verlassen, Geduld haben und abwarten, bis dieses Ding durch Abtasten seine Form verriet und ein Bild in ihrem Kopf entstehen ließ. Sie zählte die Finger, um sich zu vergewissern, dass es etwas Menschliches war, und stellte dann fest, welcher Finger welcher war. Zuerst der Ringfinger - er war von ihr weggekrümmt, sodass sie jetzt wusste, wie die Hand lag: mit der Handfläche nach oben. Ihre Gedanken überschlugen sich, als sie sich vorzustellen versuchte, wieder Körper liegen könnte - wahrscheinlich auf der Seite. Probehalber zog sie leicht an der Hand. Statt von einem Gewicht gehalten zu werden, ließ sie sich mühelos lösen und schwebte aus dem Schlick herauf. Wo ein Handgelenk hätte sein müssen, fühlte sie nur freiliegende Knochen und Knorpel.
»Sarge?« PC Rich Dundas' Stimme kam aus ihrem Ohrhörer. In der erdrückenden Dunkelheit klang sie so nah, dass sie erschrak. Er stand oben auf dem Kai und verfolgte ihre Aktion zusammen mit dem Leinenführer, der ihre Sicherungsleine abspulte und die Kommunikationsanzeigen im Auge behielt. »Wie kommen Sie voran? Sie sind genau über dem Hotspot. Sehen Sie was?«
Der Zeuge hatte von einer Hand gesprochen, nur von einer Hand, nicht von einer Leiche, und das hatte alle im Team beunruhigt. Keiner von ihnen hatte je erlebt, dass eine Leiche auf dem Rücken trieb; die Verwesung sorgte dafür, dass sie mit dem Gesicht nach unten schwamm und Arme und Beine im Wasser nach unten hingen. Das Letzte, was man sehen würde, wäre eine Hand. Aber jetzt hatte sich das Bild geändert: An der schwächsten Stelle, am Gelenk, war diese Hand abgetrennt worden. Es handelte sich nur um eine Hand, nicht um eine Leiche. Es war also kein Leichnam gewesen, der da gegen alle Gesetze der Physik auf dem Rücken im Wasser trieb. Trotzdem stimmte an dieser Zeugenaussage etwas nicht. Sie drehte die Hand um und verfestigte das geistige Bild von ihrer Lage, ergänzte es durch kleine Details, die sie für ihre eigene Zeugenaussage brauchen würde. Sie war nicht vergraben gewesen. Sie konnte nicht einmal sagen, dass sie im Schlick versunken war. Sie hatte obendrauf gelegen.
»Sarge? Hören Sie mich?«
»Ja«, sagte sie, »ich höre Sie.«
Sie hob die Hand auf, umfasste sie behutsam und ließ sich auf den Schlick im Hafen sinken. »Sarge?«
»Ja, Dundas. Ja, ich bin da.« »Haben Sie was?«
Sie schluckte, drehte die Hand um, sodass die Finger quer über ihren eigenen lagen. Sie sollte Dundas melden, dass sie etwas gefunden hatte. Aber sie tat es nicht. »Nein«, sagte sie stattdessen. »Nichts. Noch nichts.«
»Was ist denn da los?«
»Nichts. Ich sehe mich noch ein bisschen um. Ich sage Bescheid, wenn ich was habe.« »Okay.«
Sie wühlte einen Arm in den schmutzigen Schlamm auf dem Grund und zwang sich, klar zu denken. Als Erstes zog sie die Führungsleine sanft herunter und tastete nach der nächsten Dreimetermarke. Oben würde es so aussehen, als spulte sie sich ganz natürlich ab; es würde aussehen, als schwämme sie über dem Grund entlang. Als sie die Marke erreicht hatte, klemmte sie die Leine zwischen die Knie, um die Spannung zu halten, und legte sich in den Schlick, wie sie es ihrem Team beibrachte, wenn es darum ging, bei einer CO2-Überdosis zu ruhen: das Gesicht nach unten, damit die Maske sich nicht heben konnte, und die Knie leicht in den Schlamm gebohrt. Die Hand hielt sie dicht an ihre Stirn, als betete sie. Der Sprechfunk in ihrem Helm war still; sie hörte nur ein statisches Rauschen. Jetzt, nachdem sie das Zielobjekt gefunden hatte, konnte sie sich Zeit lassen. Sie stöpselte das Mikro an ihrer Maske ab, schloss für eine Sekunde die Augen und kontrollierte ihre Balance. Sie konzentrierte sich auf einen roten Fleck vor ihrem geistigen Auge, beobachtete ihn und wartete darauf, dass er zu tanzen anfing. Aber er tat es nicht. Blieb starr. Sie hielt sich sehr, sehr ruhig und wartete wie immer darauf, dass etwas zu ihr kam.
»Mum?«, flüsterte sie und verabscheute den hoffnungsvollen, zischenden Klang ihrer Stimme im Helm. »Mum?«
Sie wartete. Nichts. Wie immer. Sie konzentrierte sich angestrengt und drückte dabei die Knochen der Hand leicht zusammen, bis dieses fremde Stück Fleisch sich halb vertraut anfühlte. »Mum?«
Etwas drang in ihre Augen. Es brannte. Sie öffnete sie, aber da war nichts - nur das übliche stickige Schwarz der Maske, das verschwommene bräunliche Licht auf dem Schlick, der vor der Sichtscheibe schwebte, und das alles umhüllende Geräusch ihres eigenen Atems. Sie kämpfte mit den Tränen, und am liebsten hätte sie es laut gesagt: Mum, bitte hilf. Ich habe dich letzte Nacht gesehen. Ich habe dich gesehen. Und ich weiß, du willst mir etwas sagen - ich kann dich nur nicht richtig hören. Bitte sag mir, was es ist.
»Mum?«, flüsterte sie und schämte sich: »Mummy?«
Ihre eigene Stimme kam zurück, und das Echo hallte in ihrem Kopf, aber jetzt klang es nicht wie Mummy, sondern wie Idiot, du Idiot. Schwer atmend legte sie den Kopf zurück und wehrte sich gegen die aufsteigenden Tränen. Was erwartete sie? Warum kam sie zum Weinen immer hierher, unter Wasser? Es gab keinen schlechteren Ort dafür - zum Weinen unter einer Maske, die sie nicht abnehmen konnte wie ein Sporttaucher. Vielleicht war es naheliegend, dass sie sich Mum an einem solchen Ort näher fühlte, aber da musste mehr dahinterstecken. So weit sie zurückdenken konnte, war das Wasser immer eine Umgebung gewesen, in der sie sich konzentrieren konnte. Wo eine Art Friede heraufschwebte - als könnte sie hier unten Kanäle öffnen, die oben verschlossen blieben.

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