Cees Nooteboom ist in den heutigen Tagen ein Kandidat für den Literaturnobelpreis, was jedoch nicht allzu viel heißen mag. 1980 jedenfalls gehörte er noch nicht zu diesem elitären Zirkel, und vielleicht veröffentlichte er gerade deshalb damals den Roman, der ihm Zugang zu dieser Welt seltsamer Mythen verschaffen sollte - "Rituale". In diesem, seinem dritten Werk, geht es jedoch überhaupt nicht um so etwas Idealisiertes wie den Nobelpreis, der Held Innigo Wintrop ist weder elitär noch ambitioniert, einen Preis zu erhalten. Und trotzdem haben beide, Nobelpreis und Inni in der Art und Weise, wie sie etwas Einzigartiges, scharf Abgegrenztes und schwer Durchschaubares darstellen, gewisse Gemeinsamkeiten Mehr jedoch auch nicht.
Inni lebt sein Leben im Amsterdam der 60er Jahre, und bisweilen drückt er seinen Kopf stundenlang in eine Rohrmatte, aus Kummer über die Welt. Das, woran er sich festhält, sind Frauen, in die er sich ebenso schnell verliebt, wie er sie dann vergißt. Auch die, mit denen er zusammenlebt. Eines Tages ist es wieder soweit. Zita, seine namibische Freundin, die ihn aufrichtig liebt und von ihm aufrichtig geliebt wird, verlässt ihn, eines Italieners wegen, und Inni, der auch Horoskope für Heets Parol schreibt, sagt an diesem Tag für sich selbst genau dies voraus, und darüber hinaus noch seinen Tod. Da sein Selbstmordversuch scheitert, lebt Inni weiter. Er hat Freunde, wenige, ist damit glücklich, und doch wird dieser Freundeskreis bald ungewollt erweitert. Denn ein Besuch seiner Tante stattet ihn nicht nur mit genügend Geld zum Leben aus, sondern macht ihn vor allem mit Arnold Taads bekannt. Dieser Mann hasst die Welt, die er als Fehlkonstruktion verabscheut, hasst alles, hat seinen Tag, die unüberschaubare gefährlich Fläche, strengstens eingeteilt, geregelt, ritualisiert und lässt Inni doch daran teilhaben. Dieser ist abgestoßen und fasziniert zugleich, von diesem Mann, der das Leben ablehnt, dessen Sinnlosigkeit zu durchschauen denkt, und letztlich wieder aus Innis Leben verschwindet. Für Inni ändert sich fortan nicht viel. "Er war einfach da", heißt es über ihn, "und es geschahen seltsame Dinge." Er trifft weiter Frauen, liebt und vergisst sie wie bisher, handelt mit Aktien, kauft Bilder, versucht sie gewinnbringend weiter zu verkaufen und wird vierzig. Als er einen japanischen Stich erwirbt, wird er an einen auf fernöstliche Kunst spezialisierten Händler weiter verwiesen. Arnold Taads ist inzwischen tot, durch einen Unfall, den er Inni genau vorhergesagt hatte, gestorben. Doch in jenem Geschäft trifft Inni dessen Sohn, Philip, von dem er nicht wusste, dass es ihn gibt, und den er nach einem ersten Gespräch nicht wiedersehen möchte. Er ist angewidert, von dessen Ekel vor der Welt, den er scheinbar von seinem Vater übernommen hat, obgleich sich Philip ansonsten deutlich von diesem unterscheidet. Während Arnold Taads der Welt Sinnlosigkeit vorwarf, richtet sich die Abscheu des jungen Taads gegen seine eigene, als sinnlos empfundene Existenz. Streng der japanischen Denktradition verpflichtet, geht er in einem anderen Ritual auf - der Teezeremonie. Inni ist abgestoßen und hält dennoch Kontakt. Das Philips Ende vorhersehbar ist, weiß nicht nur er, sondern auch Riezenbaum, jener Händler fernöstlicher Kunst, der eine Freundschaft zu Inni entwickelt und der dem jungen Taads letztlich zugleich seinen größten Wunsch erfüllt als diesen auch umbringt, indem er ihm eine Raku-Teeschale besorgt. Diese Schale ist teuer, doch Philip bezahlt gern, denn letztlich kostet sie ihn das Leben. Und Inni, der bisher an Weltschmerz litt und einfach nur da war, ist plötzlich wirklich einmal glücklich. Glücklich, kein Taads zu sein.