Für Rituale begann ich mich vor einigen Jahren aus persönlichen und beruflichen Gründen zu interessieren. In meiner Hausbibliothek stehen zu diesem Thema zwar nicht so viele Titel wie Burckhard Dücker in seinem 20seitigen Literaturverzeichnis aufführt, aber dafür andere. Und zumindest unter "E" wie Emotionsforschung auch aktuellere. Sich nach zwei Jahrzehnten Neurowissenschaften noch immer ausschliesslich auf Autoren der Neunzigerjahre zu berufen, hat geradezu etwas Niedliches an sich.
Der Autor ist Germanist und Mitarbeiter im Heidelberger Sonderforschungsbereich Ritualdynamik. Und er schreibt, wie ich es aus meiner eigenen Studienzeit her noch kenne. Gescheit, ausführlich, zitierend, oft spannend und zu umständlich. Das heisst, der Leser muss mehr arbeiten, als ihm wahrscheinlich lieb ist. Mit seinem akademischen Stil fällt Burckhard Dücker unter seinesgleichen zwar nicht auf, vergibt sich aber bei mir gleich einen Bewertungsstern. Den zweiten büsst er ein, weil er neuere Erkenntnisse einer interdisziplinär zusammenarbeitenden Psychologie kaum berücksichtigt und dem Verlag bei der Preisgestaltung allzu freie Hand liess.
Was bekommen wir dann noch für drei Sterne? Wir werden in die Begrifflichkeit und das semantische Feld von Ritus und Ritual eingeführt, lernen Merkmale zum Klassifizieren von Ritualen kennen, begegnen rituellen Bräuchen anderer Kulturen, tauchen in historische Typologien ein und sehen zum Abschluss die Konturen einer Wissenschaft von den Ritualen vage vor uns. In so geraffter Form zusammengefasst, klingt das nach wenig. Ist es aber nicht. Im Gegenteil, die 250 Seiten sind eng beschrieben, kaum von Untertiteln durchsetzt und inhaltlich so dicht, dass jeder Konzentrationsmangel dazu führt, sich bereits Gelesenes nochmals vergegenwärtigen zu müssen. Nur weil ich auf der Suche nach Neuem war, hielt ich überhaupt durch. Doch auch wenn ich mit der Ausbeute einigermassen zufrieden bin, war ich froh, danach wieder einen Autor lesen zu dürfen, der mir die Aufnahme von Wissen einfacher macht als Burckhard Dücker.
Mein Fazit: Wer sich intensiv mit dem Thema beschäftigt, wird wohl kaum darum herumkommen, dieses Buch zu lesen. Denn auch wenn er gewichtige Beiträge von Autoren ausserhalb universitärer Kreise nicht berücksichtigt, macht Burckhard Dücker den Leser mit Ideen, Klassifikationen und Zusammenhängen bekannt, die anderswo eben nicht zu finden sind. Kurz: Ein Fachbuch eines Fachmannes zu einem Fachbuchpreis.