Mein erster musikalischer Kontakt, einem Autofahrt, nachts, mit den White Lies war einschneidend. Schon die ersten Takte ihres Debüts, der sonore Bariton, die Rhythmusgruppe, beamten mich sofort zurück in eine Zeit, als es zwischen den Referenzpunkten Joy Division, Bauhaus, den frühen U2 als sie noch nicht auf den US Markt schielten und eher versuchten, sich von Echoy and the Bunnymen abzugrenzen und leider nicht mehr so bekannten Bands wie Julian Cope eine wundervolle musikalische Welt zu entdecken gab. Und haben mich als (Senior ;-) Fan einkassiert.
New Wave of New Wave oder Post Punk .... die Musikpresse hatte ja schon für andere Bands mit ähnlichen Referenzen seit Mitte der 00er dieses Etikett paratt. Bei den White Lies hatte ich Anfang an das Gefühl, dass sie diesen Entwurf am deutlichsten und am konsequentesten nachzeichnen. "Ritual" also jetzt, das Nachfolgealbum des herrlichen Epos "To lose my life", bleibt dem Post Punk Blueprint erhalten und entwickelt ihn konsequent weiter. Die musikalische Palette wird erweitert, mit elektronischen Berührungen und Annäherungen an den Synthpop, die Umlaufbahn auf der sich alles bewegt ist aber immer noch die erste Hälfte der 80er. Umgesetzt und unterstützt, vielleicht sogar zentral verantwortet wird dies vor allen durch Alan Moulder, dem englischen Überproduzenten, der schon Diamanten wie Depeche Mode (Violator), Ride, Smashing Pumpkins und My Bloody Valentine an den entscheidenden Stellen den richtigen Schliff verpasste.
Höhepunkte und Anspieltipps: Der Opener IS LOVE bereitet hymisch die Bühne für die elektronische Erweiterung des WL Orbits, ein passender Einzug der Gladiatoren. STRANGERS hat den perfekten simplen Refrain, um als Leitthema eine Nu-Goth Area einzuläuten, auch wieder unterlegt mit einer warmen synthetischen Schicht. In dieselbe Richtung drängt natürlich wie die grossartige erste Single BIGGER THAN US. In THE POWER & THE GLORY treffen My Bloody Valentine Gitarrenfeedback auf Human League Equalizer und ich möchte mir gar nicht vorstellen, was dieses Lied auf dem richtigen Festival mit dem richtigen Publikum alles anstellen kann. COME DOWN, der perfekt ausgewählte Rausschmeisser. Akkord für Akkord, mit jeder Note der Synthesizer steigert sich die Intensität des Songs in einen wundervollen und mysteriösen Höhepunkt.
"Ritual" ist handfest und greifbar, kraftvoll und melodisch, eine perfekt produzierte in sich geschlosse epische musikalische Landschaft (Gibt es einen Alan Moulderfanclub? Ich weiss ich weiss, aber das kann man gar nicht oft genug sagen ;-) und der nächste Schritt vom Aufstieg der White Lies zu - hoffentlich - etwas sehr sehr Grossen. Mit der Erweiterung um Synthpop Elemente wird die Musik etwas wärmer, eine hervorragender Soundtrack für einen Januar wie diesen. Man muss nur ein wenig aufpassen, dass man nicht unbewusst dem starken Drang zum ich-mal-jetzt-das-gesamte-Schlafzimmer-schwarz nachgibt.
Plagiatvorwürfe, fehlende Eigenständigkeit und Glaubhaftigkeit durchziehen jetzt schon die Rezensionen in der Musikpresse - und auch hier. Sollen sie doch, mein Bauch sagt mir, dass diese vollkommen akademischen Vorwürfe noch in Jahren im selben Takt runtergeschrieben werden, während die White Lies mit einer eingeschworenen Fanbase nicht mehr nur die Hallen, sondern die Stadien füllen. Zu wünschen wäre es, verdientermassen ...