Wohl kaum ein Sachverhalt nötigt dem aufgeklärten Menschen einen solchen intellektuellen Kraftakt ab wie der Umgang mit Straftätern. Das gilt unabhängig davon, auf welcher Seite des politischen Spektrums man steht. Jeder hat seine Lieblingskriminellen: die Feministin möchte den Vergewaltiger am liebsten kastrieren, der Linke den Nazischläger und den Wirtschaftskriminellen ins Gulag schicken, am besten für immer, der Bildzeitungsleser möchte den Kinderschänder hängen sehen und der Konservative linke Ruhestörer mit Dachlatten therapieren. Und jeden Menschen empören und beunruhigen Straftaten wie die der Münchner U-Bahn-Schläger, die einen Rentner fastt tottraten, nur weil er sie gebeten hatte, das Rauchverbot zu beachten.
"Das Bedürfnis nach Vergeltung für Normabweichungen und die Schadenfreude gegenüber dem überführten Rechtsbrecher sind tief in unserer Gefühlswelt verankert. [...] Die Lust an der Vergeltung ist ein psychologisches Faktum, auch wenn sie den kulturellen und zivilisatorischen Ansprüchen unserer Gesellschaft zuwiderläuft", wie der Autor schreibt.
So mutet uns der Autor einiges zu, wenn er das System des Vollzugs der Freiheitsstrafe in diesem Buch aus der kritischen Perspektive des Gefängnisinsassen beschreibt und es als persönlichkeitsvernichtend brandmarkt. Der Autor hat, der editorischen Notiz zufolge, langjährige Freiheitsstrafen verbüßt. Seine Schilderungen decken sich mit anderer Gefängnisliteratur, ob sie aus der Feder von Insassen, Anstaltspersonal, Juristen, Psychologen oder belletristischen Schriftstellern stammt, und bestechen durch ihren klaren Stil und ihre analytische Schärfe.
Das hört sich zunächst danach an, als würde hier der Verbrecher bemitleidet, das Leid des Verbrechensopfers - das ja auch, wie der Titel einer Fernsehreportage lautete, "lebenslänglich, ganz ohne Gnade" beschädigt sein kann - dagegen unbarmherzig ausgeblendet.
Aber hier fängt der intellektuelle Kraftakt eben an. Dem Verbrecher und dem Verbrechen rational zu begegnen, bedeutet, tief in uns sitzenden Gefühlen zuwider zu handeln. Denn eine rationale Auseinandersetzung mit unserem System des Strafens und vor allem der Gefängnisstrafe zeigt, dass dieses, von allen moralischen Fragen abgesehen (z.B. der, dass auch immer einige Unschuldige im Gefängnis sitzen), die Dinge nicht besser, sondern schlimmer macht. Da aber keine Strafrechts- oder -vollzugsreform aus den genannten Gründen auf größeres Interesse oder gar Sympathie beim Volk stößt, sind wir von einer rationalen Bekämpfung des Verbrechens immer noch weit entfernt. Dieses Buch ist ein wichtiger, wenn auch oft widerspenstiger Beitrag zur Diskussion. Ich empfehle es jedem, der sich mit diesen Fragen auseinandersetzen will.