"Die Kirche braucht eine verschworene Bruderschaft von exzellenten Rittern, die unter Verzicht auf persönliche oder gar dynastische Interessen, unter Verzicht auf Reichtum und Machtentfaltung, sich bedingungslos in den Dienst des Papstes stellen..."
(Cantar de Sion; Seite 652)
Mit "Ritter zum Heiligen Grab" (AD 1084 - 1095) hat Peter Berling nach seiner Pentalogie um die "Kinder des Grals" (Mitte des 13. Jahrhundert) und deren Vorgeschichten, sowie dem ersten Band seines "Paradie der Assassinen" (Ende des 12. Jahrhunderts) nunmehr ein weiteres Zeitfenster zu seinem Gralskosmos aufgestoßen....
...als dessen Dreh- und Angelpunkt seine Romangestalt Remy d'Arentin, alias "Der Graue Kardinal" (so der ursprünglich von Berling vorgesehene Romantitel), als Caput Canis der "Geheimen Dienste des Vatikans" die Fäden zur Vorbereitung des 1. Kreuzzuges zieht. In seiner unnachahmlichen Erzählweise lässt Berling den Leser u. a. wissen, warum sich zu diesem frommen Unternehmen nicht die Könige, sondern Herzöge, Grafen pp. des Okzidents zusammenfanden.
Im Prolog lässt sich Sultan Saladin am Vorabend seiner Rückeroberung Jerusalems (1187) von Balian Ibelin und Leon Vallesianius die Hintergründe erläutern, die ein Jahrhundert zuvor das "christliche Abendland" zur ersten bewaffneten Pilgerfahrt nach Jerusalem veranlassten. Nach einem Inhaltsverzeichnis beginnt das Erste Buch mit "Die Verlobung von Gisors"....
Mehrere Protagonisten, deren Namen an Gestalten der später spielenden Romane erinnern, wie Conon de Béthune, Pons de Gisors, Gerald von Öxfeld, Balduin von LeBourg usw., sowie diverse edle und weniger edle Damen tummeln sich in einer Vielzahl von Szenarien.
Orte der turbulent wechselnden Ereignisse sind Gisors und Mantes-La-Jolie (Normandie), St. Gilles und Saissac (Südfrankreich), Sion (Wallis) Rom, Chartres; Mainz, Cluny und schließlich Clermont. Als Chronisten bedient sich Berling einerseits des Knappen Rinat von Sitten (Sion), andererseits zweier Benediktiner vom Monte Cassino, denen er die bipolaren Rollen Rollen des "Angelus vigilans" und "Vocator diaboli" zuweist. Kurz Angel und Vocat genannt, werden sie zu Verfassern der "Geheimen Protokolle" von Sion.
Dem vielseitigen Autor ist auch in seinem neuesten Werk eine hervorragende Mischung aus Fiktion und historischen Tatsachen gelungen. Neben Informationen über Kaiser Heinrichs IV Gang nach Canossa (S. 90) werden dem Leser auch Fakten zur Eroberung Süditaliens durch die Normannen (S. 122), den Vicomte von Carcassonne, Trencavel (S. 507) und das im Vexin gelegene französisch-normannische Streitobjekt Gisors (S. 314) vermittelt. Auch mit historischen Gestalten, wie "Peter der Einsiedler", Adhemar von de Puy und den späteren Grossmeistern des Templerordens Hugo de Payens, Robert de Craon, André de Montbard und andere werden, wenn auch nur peripher, vorgestellt. Daneben gibt es eine Reminiszenz an Otto Rahn, den Autor von "Kreuzzug gegen den Gral", dessen (zweites Buch) "Luzifers Hofgesind" zitiert wird (S. 274).
Berling hat seinen fast 700seitigen Roman in sieben Büchern niedergelegt, die unter originellen Überschriften in bis zu 11 Kapitel untergliedert sind. Auch "dieser neue Berling" ist aufgrund seiner Dynamik, den changierenden Orten und Personen keine leichte Lektüre. Die spannungsgeladenen Szenarien verlangen vielmehr die permanente Aufmerksamkeit des Lesers. Der Epilog weckt den Wunsch nach einer Fortsetzung. Während das zweiseitige Glossar gegenüber früheren Romanen recht schmal ausgefallen ist, sind die anderen Zusatzmaterialien wie das "Dramatis Personae", ein Verzeichnis der historischen Figuren und ihrer Teilnahme am ersten Kreuzzug, sowie vier verschiedene Landkarten - wie gewohnt - von üppiger Ausstattung.
Bleibt zu hoffen, dass der "Großmeister des Mittelalterromans" die verschiedenen Zeitebenen seines Gralkosmos durch weitere Werke, wie das bereits avisierte "Die Schönen vom Berge", bzw. "Die Geliebte des Assassinen" erweitern und verbinden wird.
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