"Juchheirassa, es gibt eine Fortsetzung der Ritter-Runkel-Serie!" dachte ich, als ich im Internet auf die Ankündigung dieses Buches stieß und vermutete darin eine Art Mosaik in Buchform, halt ohne Digedags, doch mit den bekannten Rübensteiner Gestalten, die sich dazumal in den Mosaiks von Hannes Hegen tummelten . Die Beispielbilder von Ulf Graupner ähnelten zudem erfreulich denen der alten Mosaiks. Doch weit gefehlt !
Erstens handelt es sich hierbei um keinen Comic, sondern um eine illustrierte Erzählung - den Anspruch eines Romans, wie auf mancher Website behauptet, kann sie mit netto weniger als 90 Seiten schwerlich erheben !
Zweitens sind im Binnentext nur 5 ( in Worten: fünf ) "wirkliche" Illustrationen enthalten, seitengroß bzw. über eine Doppelseite, die im Stil tatsächlich denen der Mosaiks entsprechen. Auf dem recht breiten Rand findet man kleine einfarbige Vignetten und Erklärungen zu bestimmten im Text auftauchenden historischen Personen, Geschehnissen oder Sachverhalten . Löblich, die Leser über die Erzählung hinaus mit
dem 13. und 14.Jahrhundert vertraut zu machen, aber - bestand nicht der besondere Charme der originalen Ritter-Runkel-Serie, die Geschichte in die großen Zeitereignisse einzubetten und diese somit zwanglos zu erklären ?? Einfach durch Darstellung der damaligen Städte und Dörfer, ihrer Bewohner in ihren typischen Trachten - manchmal auch durch eine kleine locker geplauderte Einleitung zu Heftbeginn ? Die Randtexte wirken so, wie Randtexte neben einer fortlaufenden Handlung meistens wirken : störend. Besser wären sie in einem Anhang aufgehoben gewesen. Oder traut Lothar Dräger dem Wissensdurst seiner Leser nicht so weit, daß er diese Informationen möglichst aufdringlich plaziert, weil sie sonst nicht gelesen werden würden ? Zumal sie wirklich interessant und locker erzäht sind, sogar ein Rezept ist dabei. . .
Apropos Lothar Dräger: als Mitautor des damaligen Mosaik auch an der Runkel-Serie unmittelbar und tatkräftig beteiligt ( nicht nur die von vielen geliebten Ritterregeln stammen von ihm ! ) sollte man in ihm doch den besten Garanten der Kontinuität der Charaktere sehen. Warum dann so ein grober Bruch wie dieser:
auf dem Einband ist der jedem Runkel-Kenner vertraute Cavaliere Carlo di Carotti zu sehen - er ist es auch, heißt aber nun Jacopo Barozzi ! Erklärung : ein Scherz der Chronisten, den Gegner des Rübenritters ebenfalls als Vertreter für Wurzelgewächse darzustellen ! "Im Interesse der historischen Wahrheit kann dieser Ulk in der vorliegenden Erzählung slbstverständlich nicht fortgesetzt werden." So wird nun aus dem erfundenen Cavaliere eine "historische" Gestalt geschnitzt, die wahrscheinlich tatsächlich und historisch nachweisbar 1284 vor einer Sandbank am Lido vor Venedig baden gegangen ist (Mosaik 103). Ebenso plausibel wäre es gewesen, Runkel als Ritter Heino Runkel von der Vogelweide auferstehen zu lassen, der bekanntlich der musisch weniger begabte Vetter des aus der gleichen Familie entsprossenen Walther war ! Auch die Ausgangssituation steht im krassen Widerspruch zu dem Ende der Runkel-Serie, als die Rübensteiner Besitzungen endlich zu florieren begannen und Runkel zum Grafen erhoben wurde. Daß er es nun nicht mehr ist, dafür muß ein weiterer grober Winkelzug herhalten - übrigens spielt dieser Umstand im weiteren Verlauf gar keine Rolle !
Die Handlung - nun, die wäre in wenigen Worten erzählt. Sollte sich der Autor tatsächlich 10 Jahre lang mit der Idee und ihrer Ausformung auseinander gesetzt haben, wäre das Ergebnis etwas kläglich. Die Grundidee, daß Runkel zum Alchimisten geworden ist, scheint aufgrund des früher ausgeformten Charakters, des ewig prahlenden und Bildung, gar Forschung wenig zugetanen, wenn gleich sonst sympathischen Ritters, wenig plausibel, hat allerdings einen guten Hintergrund. . . Die weiteren Gestalten sind recht stereotyp, die Begebenheiten trotz des unvermuteten Auftritts eines geheimnisvollen Familienmitglieds recht vorhersehbar. Auf diese geheimnisvolle Person gibt es in den Mosaiks eine einzige Anspielung, so daß die Einführung des Charakters ein geglückter Kunstgriff wäre - klänge seine Vorgeschichte nicht so wenig wahrscheinlich - zumindest in Bezug auf die Ereignisse in den Mosaiks !Mosaiktypisch ist sie gleich gar nicht.
Wenn man eine Fortsetzungsgeschichte schreibt, meinethalben auch in anderem Gewande, so muß das Vorgeschehne berücksichtigen . Zumal die Käufer dieses Buches fast ausnahmslos auch die Rübensteiner Welt der Mosaiks kennen werden, an Neueinsteiger richtet sich das Buch doch viel weniger!
Und auch für die ist es letzten Endes nur ein nettes kleines Geschichtelein mit Randglossen zur Historie. Da hätte sich mehr draus machen lassen können - schade !