"The Ox-Bow Incident", das klingt eigentlich nach seriellem Billigwestern, wie man sie in den 30ern und später fürs Fernsehen gedreht hat, wo jede Folge auf "Incident" mit einem anderen Zusatz lautete. Doch der Ox-Bow-Incident ist keiner wie alle anderen. Regisseur William A. Wellman spielt einmal die Gruppendynamik eines Lynchmobs durch, und so didaktisch das mitunter sein mag (wie Rezensionsfreund Tristram Shandy zu Recht bemerkt hatte), so überzeugend ist es auch. Trotz aller offenen Diskussionen des Für und Wider passiert mindestens genauso viel unter der Oberfläche und nur mit Andeutungen. Mit deutlich unter 90 Minuten weist der Film eine selten gesehene Reichhaltigkeit an Subthemen und (wie mir scheint, clever und bewusst) nicht zu Ende geführten Nebenhandlungen auf. So verläuft beispielsweise die Geschichte einer enttäuschten Liebe Henry Fondas mehr oder minder im Sande, ist aber doch mit der Haupthandlung kongenial verknüpft. Fonda ist der Mann, der zu lange gezögert hat, so wie es in einem Saloon-Gemälde eines Mannes, der sich bei einer lasziv räkelnden Frau ziert, thematisiert wird. Er wird dadurch zum Außenseiter im doppelten Sinne, weil wir später merken, dass er nicht nur in der Posse nicht dazugehört, sondern auch aus der versnobten Großstadtgesellschaft immer ausgeschlossen sein wird, wie sich in einer für die Haupthandlung eigentlich unwichtigen Begegnung Fondas mit seiner Verflossenen und ihrem Gatten offenbart. Dies findet eine Parallele in Fondas schwieriger Position in der Posse - wir ahnen, dass er auch dort sich nicht Gehör verschaffen wird und zu spät/zögerlich kommen wird, um den Lynchmord zu verhindern.
Diese gehäuften indirekten Andeutungen finden - das ist bei Wellman nicht ungewöhnlich - ihr Echo in einer Bildgestaltung des Verdeckens, etwa durch die dräuenden Kadrierungen des Galgenbaumes und der Schatten, die so nur in einem Studio-Ox-Bow möglich waren. Die gesamt zweite Hälfte des Filmes besticht durch eine Künstlichkeit, die mich diesmal überhaupt nicht gestört hat, sondern die tragische Dimension dieses Western umso klarer hervortreten lässt. Doch auch bei den typischen Westernszenerien verdeckt Wellman ebensoviel, wie er zeigt; Fondas Tritt ins Gesicht eines niedergeschlagenen Kontrahenten ist durch die Saloontheke verdeckt und überlässt die Wirkung der Fantasie des Zuschauers. Irgendwie hat man sowieso das Gefühl, dass hier viele etwas zu verbergen haben, vielleicht am ehesten vor sich selbst. Hinter den augenscheinlichen Rollen in der Gruppe (und es gibt angesichts der Kürze bemerkenswert viele interessante Porträts) steckt oft etwas ganz Anderes - z.B. der lustige Onkel, der aber bedrohlich viel Spaß am Aufknüpfen zu haben scheint, oder der alte Südstaatenoffizier, dessen "Ehrgefühl" am Ende schonungslos auf ein rein persönliches Begehren heruntergebrochen wird. Was dazu passt, dass seine Ordnung von Befehl und Gehorsam ein paar Jahrzehnte nach dem Sezessionskrieg sowieso keine Bedeutung mehr hat: Ein alter Mann, der ebenfalls zu den potenziellen Lynchopfern zählt, habe ebenfalls "gedient", aber keiner wisse, auf welcher Seite; vielleicht auch auf beiden. Als den General ihm einen Befehl erteilt, mit dem Argument, "so etwas" vergesse man nie, bekommt er keine Reaktion - eine Vorwegnahme der Fallhöhe, vor der er in einer finalen Auseinandersetzung mit seinem Sohn stehen wird.
Alle Figuren angemessen zu beleuchten erlaubt die übliche Amazonlänge kaum; hervorheben möchte ich noch die etwas irritierende Behandlung gewisser Stereotypen. Mitunter hat man den Eindruck, dass in der Posse auf eine etwas perverse Art endlich einmal Gleichberechtigung herrscht, so sind auch eine (sehr resolute und fast schon karikaturhafte) Frau und ein Farbiger dabei. Letzterem wird doch eine für 1943 erfreuliche Aufmerksamkeit geschenkt. So ist er tiefgläubig und möchte das Schlimmste verhindern, und die Kamera lässt sich nicht entgehen, dass er als Einziger einen ganz und gar verlogenen und juristisch illegalen Schwur nicht schwört: Ein Deputy macht kompetenzwidrig alle anderen zu Hilfssheriffs, um unter dem Deckmäntelchen des Gesetzes morden zu können, aber der Farbige hebt die Hand nicht. Vielleicht, weil Jesus gesagt hat: "Ihr sollt überhaupt nicht schwören", wer weiß? Oder weil ein anderer Mann am Ende darauf hinweist, dass "law" (wofür wir Deutschen immer unterscheiden müssen, ob "Gesetz" oder "Recht" gemeint ist) mehr sei, als in den Gesetzbüchern stehe? Wellmann nimmt nahezu all seine Figuren so erfreulich ernst und wichtig. Und kaum einer ist, wie er scheint. Das von Anthony Quinn gespielte mexikanische Opfer spricht auf einmal doch Englisch und ist mannhafter (aber auch durchtriebener) als erwartet, und der größte Klischeebruch geschieht bei dem von Dana Andrews gespielten Opfer, schauspielerisch wie von der Rolle her: Andrews, der Meister des Understatements, darf hemmungslos weinen, mehrmals. Der Film denunziert das keineswegs, so wie er auch Sympathie für den Sohn des Generals hat, den Letzterer am Ende für "weibisch" hält, weil er "nicht tut, was ein Mann (angeblich) tun muss" (übrigens ist die Titulierung eine bittere Ironie, nachdem sich erwiesen hatte, dass einer der härtesten Kerle der Posse eine Frau ist).
Man kann also insgesamt sehr gut verstehen, warum ein auf den ersten Blick dozierender Film so viel Überzeugungskraft hat, dass auch ein Mann der (in seinen früheren Werken) wenigen Worte ihn zu seinen liebsten zählt: Clint Eastwood. Auch er hatte sich, wenngleich erst in "Million Dollar Baby" zu einer hemmungslosen und sehr berührenden Wein-Szene entschlossen. Howard Hawks würde sich im Grabe umdrehen.