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© Stereoplay -- Stereoplay
Was hat der Norweger Jan Garbarek nicht schon alles gemacht! Er mixte Jazz und Volksmusik, improvisierte mit dem Trompeter Don Cherry weltmusikalisch offen, erkundete mit dem Hilliard Ensemble beseelte Renaissance-Klanglandschaften. "Rites" nun ist eine Art Zwischenbilanz. Im gleichnamigen Eröffnungsstück begegnen sich dunkle, wie aus der Distanz hereinwehende Trommeln und Maschinen-Sounds, softe Synthie-Effekte treten hinzu, in traumhaften Melodiebögen schwingt sich Garbareks Saxophon in die Höhe, während sich der archaische Rhythmus an Drum'n'Bass annähert. Eine spannende Ouvertüre - gerade weil sie den grundlegenden Takt nur minimal variiert. Auch Garbarek blieb im Kern derselbe: Sein Sopransax jubiliert berückend, sein Tenor singt so gefühlvoll wie einzigartig. Unwiderstehlich wie er in "Song, Tread Lightly" auf dem Sopran eine klare Tanzmelodie anstimmt, von Perkussionistin Marilyn Mazur federnd unterstützt. Keyboarder Rainer Brüninghaus konzentriert sich auf minimalistisch-romantische Figuren, während Eberhard Webers körperloses E-Kontrabaß zumeist so warm wie eh und je tönt. Hier und da gerät Garbarek erneut in Drum'n'Bass-Nähe, gestaltet Don Cherrys "Malinye" als folkiges Trio für Sopran, Trommel und das Akkordeon von Bugge Wesseltoft; in dem bewegenden "The Moon Over Mtatsminda", mit Symphonieorchester und dem georgischen Sänger Jansug Kakhidze, begnügt er sich bescheiden mit der Rolle des Moderators.
© Audio -- Audio
Wer sich die Mühe macht, Jan Garbarek ohne Vorbehalte zu hinterfragen, der wird feststellen, daß dessen markantes Profil nie Züge jener klischeehaften Schwermut trug, die man Nordmännern immer gerne nachsagt. Das Phänomen gründet vielmehr auf eine langatmige Neugierde für jede Art von Tönen, die dieser Planet zu bieten hat. Von CD zu CD entfernt sich Garbarek weiter vom Schubladendenken des Jazz, öffnet damit zwar reihenweise fremde Hörfenster, ruft aber auch Nörgler auf den Plan. Die mit "Visible World" eingeleitete Verlagerung seines Sounds zu schwebenden Rhythmusfiguren und Klangteppichen galt vielen als kommerzieller Offenbarungseid, obwohl er damals nur einen Strich unter eine 30jährige Suche zog. Nun ist der Vielgesichtige abermals in einer neuen Dimension des Ausdrucks angelangt. Sein kristallklares, arachaisches Saxophon schwebt über indische Dörfer, umkreist einen norwegischen Kinderchor, belauscht amerikanische Ureinwohner, forscht in unentdeckten Räumen nach globalen Perspektiven und schafft bodenständige Unendlichkeit. Auch wenn sich das Chamäleon kurzzeitig in den Wattebergen von Brüninghaus und Weber zu verlieren droht, so wirkt das Opus doch homogen und durchdacht. "Rites" ist eine Welt im Brennglas der Musik, den Blick auf die scharfe Kante zwischen Unheimlichkeit und Idyll, Wahrheit und Traum gerichtet.
© Jazz thing - Reinhard Köchl -- Jazz thing (11/98)
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