Auf den letzten Seiten ihres Buches schreibst Evelyn Müller, daß es ihr mit diesem Buch nicht gelungen ist:
"das Trauma "MISSBRAUCH" vollständig zu bewältigen.
Ich glaube, dass es diese totale Bewältigung, das totale Vergessen und Verzeihen, nach dem wir uns so sehr sehnen, nicht gibt. Es wird immer wieder dunkle Tage und Nächte im Leben geben. Erinnerungen, Alpträume, Panikattacken – und das ist gut so! Denn dadurch sind wir gezwungen, uns dem Damals und dem Jetzt zu stellen, den Kampf nicht aufzugeben, die Öffentlichkeit zu zwingen, uns anzuhören und vielleicht auch zu bewirken, dass anderen Kindern mehr Aufmerksamkeit entgegengebracht wird…"
Ich bin jemand aus dieser Öffentlichkeit. Mich hast sie erreicht!
Viele Bilder, schöne, wie z.B. Evelyn mit ihrem Opa auf dem Wochenmarkt, aber auch die Tafel Schokolade im Wohnzimmer, gehören jetzt auch mit zu meinem Leben.
Nach dieser Szene, noch ziemlich am Anfang des Buches auf Seite 19, musste ich ihr Buch aus der Hand legen. Dann dachte ich nur: mein Gott Du musstest es erleben – dann werde ich es auch schaffen, weiter zu lesen.
"Hunger ist also, wenn ich an Pommes, Schnitzel, Opas Kartoffelknödel und Hasenschlegel denken muß und nichts anderes mehr Platz hat in meinem Kopf oder in meinem Bauch? Egal wo, es ist ein scheußliches Gefühl! Einmal sitzt meine Mutter mit einer Tafel Schokolade im Wohnzimmer, das silberne Papier zerknittert, die lila Verpackung = Versuchung pur, die mir das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt und ich möchte sooooo gerne ein Stückchen davon kosten. Meine Mutter verneint meine Bitte, ob ich auch etwas bekomme, mit den Worten: „Das habe ICH mir verdient mit MEINER Arbeit.“ Wie ein begossener Pudel ziehe ich ab, aber nicht mit Wut im Bauch über ihre Reaktion, sondern nur mit Enttäuschung über mich selbst: ICH arbeite ja nicht, also habe ICH auch NICHTS verdient."
Erst vor 2 Wochen habe ich die letzen Seiten gelesen und es arbeitet noch ganz schön in mir. Vor allem fällt es mir so schwer hier die Worte zu finden, aber es ist mir wichtig, daß über ihr Buch gesprochen wird.
Evelyn Müller hat es wunderbar geschafft, einem "Laien" die Probleme und auch die Fachbegriffe zu erklären und zwar auf eine Art, das ich mir dabei nicht so blöd vorkam.