Soziologische Arbeiten zu gegenwärtigen Gesellschaftskulturen haben zur Zeit Hochkonjunktur und die Zahl der Bindestrichgesellschaftsbegriffe ist in den 90er Jahren explosionsartig angestiegen. Die Bandbreite reicht von der Arbeitsgesellschaft über die Erlebnisgesellschaft und Leistungsgesellschaft bis zur Zivilgesellschaft. Ulrich Beck hat sich mit seinem 1986 erschienen Buch „Die Risikogesellschaft" schon sehr zeitig in diese Reihe eingereiht, seiner Konzeption der modernen Gesellschaft des späten zwanzigsten Jahrhunderts aber die meiner Meinung nach umfassenste und schlüssigste theoretische Grundlage unterbaut. So behauptet er einen radikalen Kontinuitätsbruch in der Entwicklung der Moderne, welcher die Trennung von Erster und Zweiter Moderne rechtfertigt. Waren es in der Ersten Moderne die Traditionen und die Strukturen einer vorindustriellen und vormodernen Gesellschaft, die im Zuge der Industrialisierung und Modernisierung aufgebrochen wurden, so geraten nun die Traditionen und Strukturen der Moderne selbst unter den Druck des sozialen Wandels. Beck kennzeichnet diesen Prozeß mit dem Begriff „Reflexive Modernisierung". Diesen sozialen Wandel weißt Beck nun in allen wichtigen gesellschaftlichen Teilbereichen und in der Veränderung ihrer Beziehungen untereinander nach. Als Schlagwort bekannt geworden, ist der Begriff der Individualisierung, der nichts anderes meint, als daß der Mensch in der Zweiten Moderne aus den Traditionen und Strukturen der Ersten Moderne, der industriegesellschaftlichen Moderne entlassen wird und damit ein hohes Maß an Sicherheit und Orientierung verliert. Dieser Prozeß wird nun von Beck aber in den Zusammenhang von vermehrter Produktion von Umweltrisiken und -bedrohungen, Umstrukturierungen des Arbeitsmarktes und des Arbeitsverhältnisses allgemein und der Politik gestellt, der die Radikalität des Wandels, der uns heute noch tagtäglich umweht deutlich macht. So enthält dieses Buch fruchtbare Ansätze für viele andere Bereiche der Soziologie, wie Wirtschafts- und Industriesoziologie, Soziologie persönlicher Beziehungen, Erziehungssoziologie, Kultursoziologie u. a. m. Das Buch ist nicht perfekt, der weitgespannte Rahmen läßt natürlich eine gewisse Tiefe vermissen, was dem allerdings Autor nicht negativ anzurechnen ist. Es ist vielmehr auch die Stärke des Buches, daß andere Autoren, die einige Lücke ausfüllen oder die Analysen tiefer vorantreiben, in dieses umfassende Konzept der Risikogesellschaft eingeordnet werden können und damit läßt sich dann auch ein wenig Orientierung bringen in die Flut von Gesellschaftsbegriffen. Fazit: Das Buch läßt begriffliche Schärfe, exakte empirische Überprüfung von Hypothesen, vermissen, ist ein wenig unstrukturiert und nicht frei von Wiederholungen. Und ich glaube, Ulrich Beck hat es auch nicht geschrieben, um den Methodikern in den Sozialwissenschaften eine Freude zu machen. Sein Werk bringt eine sensible Zeitdiagnose, die heute, fünfzehn Jahre später nicht obsolet ist, es wagt Prognosen, die heute als zutreffend angesehen werden können, und es vermittelt ein grundlegendes Verständnis von der Zeit, in der wir alle leben.