Wer den "König von Deutschland" kennt und erwartet, Rio Reiser bietet auf seiner ersten Solo-LP von 1985 Bierzeltmusik, der muss enttäuscht werden. Von den "Ton Steine Scherben"-Fans wurde Rio seinerzeit vorgeworfen, er sei ins Schlager-Lager abgetrifftet. Doch das stimmt nicht. "Rio I" bietet deutschen Rock vom Feinsten und befindet sich in guter Tradition zu den Songs von "Ton Steine Scherben". Zugleich gestattete es ihm der Erfolg von "Rio I", die Schulden abzubezahlen, die die "Scherben" hinterlassen hatten und die auch deren Managerin, Claudia Roth, nicht beseitigen konnte.
"Rio I" bietet neben dem "König", einem hintergründigen Gute-Laune-Song, eine ganze Pallette von nachdenklichen, romantischen und kämpferischen Songs. "Junimond" ist in seiner Cover-Version von "Echt" reichlich bekannt - und echt langweilig für alle, die das Original kennen. "Menschenfresser" finde ich genial, schon der Text ist (wie auch bei "Alles Lüge") hochaktuell (übrigens, wie viele Songs auf "Rio I", noch zu "Scherben"-Zeiten entstanden). Bei den Balladen ist immer zu berücksichtigen, dass Rio schwul war, und noch Zeiten erlebt hat, in der die Diskriminierung Homosexueller Alltag war. So höre ich immer viel unterdrückte Gefühle und eine gewisse Schwermütigkeit und Einsamkeit aus seinen Liebesliedern, die gerade deshalb für alle sehr authentisch sind.
Musikalisch und technisch ist die Platte ohne Fehl und Tadel, doch Rio hatte sich damals für einen Sound entschieden, der heute sehr die 1980er wiederaufleben lässt. Das nimmt den Songs etwas von der Zeitlosigkeit, die sie eigentlich haben. Da "Rio I" aber zu einer der wichtigsten und schönsten Platten aus der alten Bundesrepublik vor 1990 zählt, sollte sie in keinem Haushalt fehlen.