1990, Frühsommer, Kirschblüten, warme Nächte. Ich bin 15 und kaufe mir nach der Schule Rios Dritte. Und bin verzaubert.
Rio *** klingt ganz anders als man es vom Meister gewohnt war - "synthetisch" beschreibt es wohl am Besten - und entführt mich Song für Song in fremde Welten. Fast wie bei Super Mario Bros 2 (vom Uralt-NES), das ich in jenem Sommer exzessiv durchspielte.
"Aschermittwoch" führt in den Kuckucksuhrwald der damaligen Umwelt- und Innenpolitik, "Sonnenallee" verknallt sich auf einem Berliner Rummelplatz. "Herbst" strahlt vor gelben Blättern in der Sonne, "Signale" schießen einen in den kalten Weltraum, in dem man verloren mit seiner Mission dahintreibt. Die "Vier Wände" machen ein Zimmer zu einem Zuhause, "Was weiß ich" sitzt als Verzweiflung neben dir am Straßenrand (wunderschöner Alptraum!), bis man in "Dahin" komplett in alte Märchenwelten abtaucht - Wanderer, Schlösser, Feen, Schneeweißchen und Rosenrot als das Zauberhafte einer Liebe und was im Heute davon übrigbleibt... Zuletzt strahlt das "Sternchen" über unsere Welt: Ein Liebeslied an die Erde und an die Kraft, die dahinter steht und das Leben erhält.
Nicht unerwähnt bleiben sollte "Zauberland", m.E. eines der schönsten, traurigsten und packendsten Liebesleidlieder, die es gibt.
Rio *** ist musikalisch ein etwas anderer Rio Reiser, schon im Jahr danach war bei "Durch die Wand" alles beim Alten. Aber wer stupide Plastikmusik befürchtet, kann beruhigt werden: alles ist mit viel Liebe fürs Detail arrangiert und strahlt mitunter eine Wärme aus, die "handgemachter" Musik in nichts nachsteht.
Für mich ist dieses Album etwas ganz Besonderes, nicht nur aus nostalgischen Gründen, sondern weil mich das Traumtier immer noch mit auf die Reise nimmt. Und ich lass mich immer wieder gerne darauf ein...