Vierzig Jahre nach "Facing you" - Jarretts bis heute formidablem Einstiegs-Solodebüt bei ecm - nun also die gefühlt 232. Veröffentlichung eines Jarrett-Konzerts, diesmal vom 9. April 2011, aufgenommen im Theatro Municipal, Rio de Janeiro. 15 "Stücke" machen dieses auf zwei CDs gepresste Konzert aus, inklusive Zugaben, und es beginnt ein bisschen sperrig, abstrakt - der Meister scheint zunächst noch mit sich (dem Klavier, der Welt) zu hadern, sich an Widerständen zu reiben, die nur er sehen und fühlen kann, und die er doch - immer noch, oder, nach seiner überstandenen Erkrankung: wieder - technisch superb meistert; etwa so wie ein Hundertmeterläufer, der kurz vor dem Ziel stolpert, sich dann aber doch noch mit einem rettenden Satz die notwendige Nase Vorsprung vor den Konkurrenten sichert. Diesen Vorsprung hat er immer noch, obwohl es schon erstaunlich ist, wie enthusiastisch Jarrett offenbar überall auf der Welt (und fast egal, was er spielt) empfangen wird. Dabei ist die Aura dieses Künstlers längst größer als seine Kunst, jedenfalls für mein Gefühl, und was diese Aura ausmacht, hat viel mit Verknappung zu tun: Wenn einer wie Jarrett halt nur (so bis dato im Jahr 2011) sieben Solokonzerte gibt, MUSS ja jedes davon etwas besonderes sein, denkt das Publikum, das sich vom seltenen Moment gleich mit geadelt fühlt. Von diesem Konzert hier aber kann man das, wieder nach meinem Gefühl, eher nicht sagen - besonders (inspiriert) war zuletzt das in der Carnegie Hall in New York City. Das hier scheint mir dagegen eher "Business as usual" zu sein, auch wenn Jarrett selbst, nie um einen großspurigen Ton verlegen, via Plattenfirma verlauten lässt, dass er das Rio-Konzert für eines seiner besten hält: 'jazzy, serious, sweet, playful, warm, economical, energetic, passionate, and connected with the Brazilian culture in a unique way." Aha: unique, schon klar. Darunter macht es einer wie Jarrett auch nicht. Was wir hören, sind zunehmend skizzenhafter, abstrakter werdende Miniaturen; allesamt improvisiert auf eine Weise, so noch einmal Jarrett, wie sie an keinem anderen Ort, zu keiner anderen Zeit, in keinem anderen Konzertsaal und vor keinem anderen Publikum möglich gewesen wären. (So viel zum Thema Inszenierung der Aura.) Das kann man nun mögen oder nicht; das wird jeder für sich selbst entscheiden. Meiner persönlichen Meinung nach hat Jarrett schon spannendere Konzerte gegeben; aber was ich wirklich nicht in Ordnung finde, ist, dass als "Musik:" ausschließlich "Keith Jarrett" angegeben wird, obwohl er in manchen Parts erkennbar Standards einfließen lässt; "Gassenhauer", deren Komponisten meines Erachtens eine Erwähnung mehr als verdient hätten. Mindestens als Zitat. Und davon abgesehen glaube ich, dass Brad Mehldau, mindestens in der "Live in Marciac" vorgelegten Form, Jarrett inzwischen dicht auf den Fersen ist. Hundertmeterläufertechnisch gesehen.