Das höchste Gut eines Kritikers ist die Objektivität. Doch es gibt Fälle, da ist man förmlich dazu gezwungen, Ausnahmen zu machen und der feine Spur der Schwärmerei zu folgen. Steven Patrick Morrissey ist so ein Fall. Er polarisiert, es gibt nur schwarz oder weiß. Für die einen ein aufgeblasener, zynisch-boshafter Egomane, der sich von der Welt unverstanden fühlt und dies jahrein jahraus kundtut, für seine Fans ist der ehemaligen Frontmann der Manchesterpop-Band "The Smiths" ein Popphilosoph allererster Güteklasse, ein Heilsbringer, bei dem sie sich trotz (oder gerade wegen) allem Zynismus - geborgen fühlen und dessen Liedtexte eine magische Ausstrahlungskraft besitzen.
2004 war sein Jahr. Sieben lange Jahre ließ er seine Anhänger darben, um mit seinem Album "You are the Quarry" wieder dahin zurückzukehren, wo er sich selber am liebsten sieht. Auf dem Pop-Olymp. Diesmal ließ der "Mozzer", wie er von Fans genannt wird, sich weniger Zeit, um mit "Ringleader of the tormentors" ein neues Werk in den CD-Spielern der depressiv angehauchten Klientel rotieren zu lassen. Anstatt sich aber auf das Erfolgsrezept der Vorgängerplatte zu verlassen, änderte der Engländer nahezu alles. Sogar seine Grundeinstellung gegenüber dem Leben an sich ("Living longer than I intended - something must have gone - RIGHT!"). Unerwartet positive Zeilen überraschen Fans und Kritiker gleichermaßen, ohne dass er auf seine mit gewohnt spitzer Feder vorgetragenen Attacken und feinen Anspielungen (auch auf seine sexuelle Neigung) verzichtet hätte. Der Umzug in die "Ewige Stadt" Rom scheint Morrissey Inspirationsquelle par excellence geboten zu haben. Mit der Singleauskopplung "You have killed me" ließ er direkt einmal ein locker-leichtes Sommerlied auf das Publikum los, um auf dem Album mit unfassbar bombastisch instrumentierten Pop-operetten wie "Life is a pigsty" zu antworten. Sogar vor Kinderchören wie in der zweiten Auskopplung "The youngest was the most loved" schreckt Morrissey nicht mehr zurück.
So gelingt ihm unter Mithilfe Ennio Morricones (ja, der "Spiel mir das Lied vom Tod"-Morricone) ein Feuerwerk an grandiosen Songs, ein wahres Popmeisterwerk, dass von wundervollen Melodien und seiner grandiosen Stimme getragen wird. Wer Musik liebt, wird "Ringleader of the tormentors" anbeten. Für mich jetzt schon das Album des Jahres ach was, das Album der letzten 10 Jahre. Wer sagte hier noch etwas von Objektivität?