Rinforzando ist ein Begriff aus der klassischen Musiktheorie und bezeichnet einen Ton oder eine Passage, der oder die mit gesteigertem Nachdruck gespielt gehört. So verhält es sich auch mit vielen der in diesem Band versammelten Texte, die meist auf einen Höhepunkt zusteuern, ohne immer eine Pointe haben zu müssen. Man muss überhaupt feststellen, dass sich der Autor um Konventionen wenig kümmert. Schon allein die Chuzpe, einen Band mit "Gedichten & Geschichten" zu präsentieren, und das in unserer ins Neue Erzählen verliebten Gegenwart, die am liebsten dicke Romanschmöker mag, ist bemerkenswert.
Man hört denn auch, dass es dem Autor nicht ganz leicht gefallen sein soll, einen Verlag für sein Vorhaben zu gewinnen. Dass er nicht locker gelassen hat, ist ihm zu danken, denn seine Texte sind präzise Zeitdokumente, die man ungern nicht gelesen hätte, sobald man sie gelesen hat. Steininger lesen ist tatsächlich mehr als nur kurzweilig, man gewinnt hier wirklich etwas. Das ist wahrscheinlich zu einem guten Teil der gelinde gesagt interessanten Lebensgeschichte des studierten Philosophen geschuldet, der in Frankreich geboren wurde und die arabische Welt ebenso intim kennt wie die sich transformierenden Gesellschaften Osteuropas.
Die einige Jahre alten Momentaufnahmen aus Rumänien und der Slowakei halte ich für ganz besonders wertvoll, und hoch ist es dem Autor anzurechnen, dass er dabei jeden politologischen oder soziologischen Jargon vermeidet. Die Worte Gesellschaft, Kapitalismus oder Armut kommen nicht vor. Stattdessen beschreibt Steininger, wie rumänische Straßenkinder mit dem Kopf einer Schaufensterpuppe Fußball spielen oder sich die frostklammen Hände an den Auspüffen kurz anhaltender Autos aufwärmen. "Nur das Meer verdient hier seinen Namen."
Die Bilder und Metaphern, die Steininger findet, sind poetisch aber nie sentimental oder auf andere Weise konventionell, sondern eher hart bis an die Grenze der Vulgarität. Dabei ahnt man seine immense Belesenheit, wird aber nie direkt damit konfrontiert. Vielleicht ist das der wahre Wert von Belesenheit, nämlich nicht, Zitate zu liefern, die sich mehr oder minder trefflich schleudern lassen, was Steininger nicht tut, sondern eher das bereits Gesagte zu meiden, um neues sagen und schreiben zu können.
Was Steininger schreibt, ist nicht erlesen. Es ist ersehen und erhört, oft erfühlt und stets erkannt. Die Sensation ergibt sich bei ihm immer direkt aus der beobachteten Wirklichkeit, nicht aus deren kunstvoller Beschreibung, wobei er durchaus großen Wert auf Stil legt. Steininger schreibt über das, was der Fall ist. Und wo er nichts mehr zu sagen hat, schweigt er. Auch das eine Qualität, die nicht wenige Schriftsteller seiner Generation in ihrer Geschwätzigkeit vermissen lassen.