Ich kann ueberhaupt nicht nachvollziehen, wie man einen Autor loben kann, wenn er einen 'ironischen Unterton' bei einer Rilke-Biographie verwendet. Das kommt mir so absurd vor, wie eine Neuschreibung einer alten Sage mit ironischem Unterton.
Genau das ist mir hier aufgefallen: Was auch schon fuer Wolfgang Leppmanns Rilke-Biographie galt, findet hier wieder seine Bestaetigung: Wer das Leben eines Menschen nicht nachfuehlen kann, wer aus einer anderen Lebensrichtung kommt, anders denkt und empfindet, der kann auch keine treffende Biographie ueber diesen fremden Geist schreiben. Hinter jeder Ecke verbirgt sich dann eine missverstaendliche Formulierung, eine unangemessene Ueberbewertung, eine unpassende Begrifflichkeit.
Es ist mit diesem Buch, als wuerde Brecht ueber Rilke schreiben. Vielleicht empfindet der Autor dies als ein Lob.
Ich empfinde es als den clash zweier Welten.
(Der Autor hat uebrigens auch ein Buch mit dem Titel "Hesse-ABC" veroeffentlicht... vielleicht ordnet ihn das fuer den hier suchenden Leser auch ein wenig ein).
Ich moechte Ihnen ein Beispiel geben, woran ich mich mit diesem Buch stiess: Im hier vorliegenden Buch wird Rilke - so der Autor - zum Verfasser von Texten, die gegen das technische Zeitalter anschreiben wollen. Irgendwo ein richtiger Kern, aber eine voellig falsche Betonung und schlechte Wortwahl. Gegen was Rilke sich wandte war der Verlust der Einzigartigkeit durch amerikanische Schnellproduktionen, die den Dingen ihre unverwechselbare Seele zu rauben begannen - bemerken Sie den Unterschied?
Warum aber ist dieses Buch dennoch lesenswert? Man findet als interessierter Rilke-Leser hierin noch einmal eine - wenngleich nicht immer chronologische - Zusammenfassung von Rilkes Reisen und seinen Bekanntschaften. Da, wo mich der ironische Ton stoerte, half er manchmal auch zu Klarheit, wann Rilke - wo - mit wem - in welchem Sinne verkehrte. Briefstellen werden zitiert, Parallelbriefe aus der Zeit herangezogen, das Bild wird erarbeitet.
Dass dem Autor dabei manche Bewertung meines Erachtens misslingt, verzeiht man ihm dann. (Ich schreibe das hier so kritisch, weil ich persoenlich ueber die Jahre tatsaechlich alle erhaeltlichen Briefe Rilkes gelesen habe, was der Autor unter "das muesse man ja gluecklicherweise nicht tun, um Rilke zu verstehen" abhakte - es macht aber eben doch Sinn, in Rilkes eigenen Worten nach der Bedeutung der verschiedenen Beziehungen fuer ihn und sein Werk zu suchen, und sich nicht nur in eigenen Empfindungen zu ergehen, um Missverstaendlichkeiten zu vermeiden.).
Sie sehen, ich habe eine gespaltene Sicht auf das Buch.
Dennoch 3 Sterne, denn es vermittelt einen schoenen Ueberblick und manches persoenliche Detail ueber Rilkes Leben, das man vielleicht so noch nicht kannte. In gewisser Weise steht Rilke nach diesem Buch 'genauer', 'exakter', 'menschlicher' vor mir als zuvor - das muss ein Buch von sich erstmal sagen koennen.
Insofern: Lesenswert.