Raddatz liegt nicht nur daran, Rilke als Gaukler und Geck vorzuführen, ihm seinen Adelstick als Marotte anzukreiden, ihn als Lebemann und verwöhnten Sonderling vorzustellen, sondern eben als Ästheten mit einer feingliedrigen Seele. Und er will den Dichter vom Klischee des sich 'verpuppenden Weihepriesters' herauslösen, ihn nüchtern und mittels Verstand lesen, denn Rilke ist keine 'unbegreiflich geweihte Hostie'.
Was sich in seinem biographischen Essay manchmal aber dann doch zu plakativ abzeichnet, ist die Rilke suggerierte 'Eigenweiblichkeit', sein feminines Schreiben, das seinen Ursprung und seine Schuld in einer verhätschelten Erziehung hatte, im anerzogenen Frau-Sein Rilkes, dessen Mutter ihn als Mädchen erzog. Was sich diesem Befund viel eindrucksvoller entgegenstellt, ist der von Raddatz herausgearbeitete existentielle Riß in Rilkes Wesen, diese Urwunde in seinem Leben, die ihn immer wieder vorantreibt, die seine Kunst gebiert. 'Er versagt sich jeglichen Glauben, an den er zugleich glaubt.' Die Welt läßt sich nicht erlösen, auch kann Gott nicht von der Welt erlösen, sie läßt sich also nur ertragen. Nur in diesem Sein kann man in aller Vorläufigkeit wohnen, wobei es nicht die Religion ist, die dem Ich in der oft trostlos erfahrenen Welt aufhilft, sondern das sich als selbst erfühlende Ich.