Wollte man in den vergangen Jahren und Jahrzehnten nachlesen, was im Rig-Veda, dem ältesten erhaltenen Text Indiens und einem der ältesten Literaturdenkmäler der Menschheit, steht, so gab es im deutschsprachigen Raum einzig die 78-seitige Reclam-Ausgabe, ein von Paul Thieme zusammengetragener Aus- und Querschnitt, inklusive einer zwanzigseitigen Einführung, erstmals erschienen 1964 und nach wie vor lieferbar.
Dass nun im Verlag der Weltreligionen eine wissenschaftlich aufbereitete Gesamtausgabe in vier Bänden herausgegeben wird, ist sehr zu begrüßen, zumal mit Michael Witzel, Professor für Sanskrit und Indologie an der Harvard University, dessen hervorragender Überblick über >Das alte Indien< 2004 im Beck-Verlag erschien, ein äußerst kompetenter Wissenschaftler für diese Ausgabe (mit)verantwortlich ist.
In dem vorliegenden, kleinformatigen Band wurden die Verse der beiden ersten Liederkreise unkommentiert vorangestellt, ab Seite 425 schließt sich sodann ein allgemeiner Kommentar, detaillierte Stellenkommentare sowie ein Glossar und ein Literaturverzeichnis an. Im Kommentar werden die geschichtlichen, sozialen und archäologischen Hintergründe beleuchtet, die vedische Poetik und Metrik charakterisiert sowie die wichtigsten Gottheiten und ihre Mythologie beschrieben, wie auch die verschiedenen Rituale. Sowohl die Gottheiten als auch die Rituale stehen im Mittelpunkt des Rig-Veda.
In der von indogermanischen Einwanderern eingeführten Weltordnung (rita) gibt es eine Vielzahl von Göttern, die einzelne Naturkräfte (Agni, Vayu, Surya) oder Aspekte der Ordnung repräsentieren (Indra, Varuna, Mitra). Sie sind es, die verehrt werden, denen man huldigt. Und so geht es im Rig-Veda wieder und wieder um das Opfer. Die Opferhandlung wird von den Priestern vollzogen, die als Brahmanen den höchste sozialen Rang innerhalb des durch die vedische Religion begründeten Kastensystems bilden. Geopfert werden Tiere, dabei von besonderem Wert das Pferdeopfer, Feuer und Soma, ein aus der Somapflanze (Ephedra-Stengel, die es bis 2006 noch rezeptfrei in den Apotheken gab) gewonnener Rauschtrank, Ersatz für den indogermanischen Met. Das liest sich dann im zweiten Liederkreis zum Beispiel so: >Adhvaryus! Bringt dem Indra den Soma in übermäßigen Trinkgefäßen, gießt den berauschenden Trank! Der Held begehrt immer davon zu trinken. Bringt den Bulle dar! Danach verlangt er. Adhvaryus, der den Wasser sperrenden Vrtra erschlagen hat, wie einen Baum mit dem Blitz, diesem, der danach verlangt, bringt den Soma! Dieser Indra ist würdig ihn zu trinken!< (II, 14, 1 und 2; S. 373)
Die 1028 hymnischen Gedichte wurden in archaischem Indo-Arisch (Sanskrit) etwa 1500-1000 v. Chr. verfasst und über Jahrtausende mündlich weiter gegeben. Erst um 1000 n. Chr. wurden sie dann auch handschriftlich fixiert. Sie stellen eine reichhaltige Informationsquelle zur frühen Gedankenwelt, zur Lebensauffassung und zur Weltanschauung des bronzezeitlichen Indiens dar. Noch heute werden viele der rig-vedischen Gedichte in (Haus-)Ritualen und in den Tempeln rezitiert.
Diese neue Übersetzung bringt sowohl das Fremde, Geheimnisvolle der Veden zum Ausdruck als auch ihre noch immer vorhandene Präsenz in der indischen Gesellschaft (bis hin zur Namenstaufe indischer Mittelstreckenraketen mit Agni oder Surya). Aber auch in neohinduistischen Zirkeln des Westens, was religiös orientierte Yogaschulen einschließt, wird konstant und regelmäßig den Naturgöttern durch Mantras und Puja gehuldigt.
Im grundlegenden Kommentar werden nicht nur die Sprache, Symbole und dichterischen Formen des Rig-Veda erläutert, sondern ebenso die geographischen, geschichtlichen, archäologischen, kulturellen, sozialen und politischen Hintergründe, die komplexe Götterwelt, die Mythologie sowie die große Bedeutung der feierlichen Rituale - in formvollendete liturgischer Systeme gefasst. Die Einführung und die Kommentare sind wissenschaftlich exakt und auf dem neuesten Stand. Dies bedeutet mitunter auch, dass man als Leserin oder Leser den Kern der Aussage vor lauter Anmerkungen, Assoziationen, Details und Querverweisen schwer erkennt und angesichts von 889 Seiten muss man in der Tat ein ausgeprägtes Interesse haben an der Deutung der Rig-Veda-Verse. Insgesamt ist dies der Auftakt einer hervorragenden Edition, lesens- und erkundenswert, frei von esoterischen Spekulationen; ein Fundus für alle, die sich mit den oft archaischen Texten des alten Indiens ernsthaft befassen wollen.