Dieser Klassiker von Jules Dassin aus dem Jahr 1955 ist möglicherweise (mit 36 - TÖDLICHE RIVALEN zusammen) der härteste französische Film, den ich kenne. Was ihn so hart macht, ist vermutlich eine gehörige Portion Realismus, die Darstellung der rauhen Sitten der Unterwelt sowie das, was in einem enger gefaßten Sinne einen 'echten Film Noir' ausmachen muß ... es gibt am Ende keine Gewinner!
Der Vergleich zu Stanley Kubrick's THE KILLING (einer von Kubrick's allerbesten Filmen, der nahezu zeitgleich entstand) drängt sich obligatorisch auf, denn kaum ein 'Film Noir' - und zumeist schon gar nicht die bejubelten, großen Klassiker dieses Genres - besticht durch Realismus, durch glaubhafte Personifizierung der Hauptcharaktere, sowie durch die Sinnlosigkeit aller Mühen am Ende, wie diese beiden Filme. RIFIFI (orig.: "Rififi chez les hommes" = in etwa: Streit/Krawall/Randale unter Männern) bedient dabei im Grunde gleich zwei Genres: Das Noir-Genre, sowie den sogenannten 'Heist Movie' - für letzteren gilt RIFIFI als der filmische Beitrag, der dieses Genre initiativ überhaupt ins Leben rief. 'Heist Movies' (auch 'Caper Movies') sind Filme, in denen es um Einbrüche/Raubüberfälle/Diebstähle geht, in denen der Zuschauer die Protagonisten von der ursprünglichen Planung an über den gesamten weiteren Verlauf der Vorbereitungen und schließlich der Tat selbst beobachten kann.
So auch in RIFIFI. Für erste 'Noir'-Aspekte sorgt Toni 'der Sanfte' (pefekt personifiziert durch Jean Servais), ein Mann mittleren Alters, dem ins Gesicht geschrieben steht, daß er sich keine Illusionen macht. Er kommt soeben aus dem Zuchthaus, wo er die letzten 5 Jahre verbracht hat. Er ist krank, er hustet oft. Und er muß feststellen, daß 'draußen' die Zeit nicht stehen geblieben ist. Woran sich der Zuschauer zunächst möglicherweise stört - der Erzählfluß, der auf den großen Coup und das fatale Nachspiel zu arbeitet, wird dadurch ein wenig gehemmt -, ist, daß Toni darüber informiert wird, daß seine frühere Geliebte jetzt mit jemand anderem zusammen ist. Durchhalten: Dieses Szenario sorgt nämlich für einige der obsessiven Energien, von denen sich zwei Charaktere in diesem Film zu ihren Entscheidungen/Taten antreiben lassen ... und der eine ist Toni. Obwohl er sich zunächst ablehnend verhält, stimmt Toni letztlich zu, bei einem ganz großen Coup mitzuwirken, bei dem sein alter Kumpel ihm die Teilnahme anbietet: Ein wirklich verwegener Diamantenraub in der Pariser Rue De La Paix, unweit des Place Vendome. Was in späteren Filmen verfeinert wurde (erwähnenswert: Neil Jordan's THE GOOD THIEF, 2002), zeigte sich in dieser Form in RIFIFI offenbar erstmalig: Die Vorbereitung, die Organisation, die präzise Planung auf dem Vorweg. Und dann folgt die Szene, die Filmgeschichte schrieb: Nach ziemlich genau 45 Minuten (in der Langfassung) Spielzeit setzt die Musik aus, die Gang, bestehend aus 4 Männern (darunter Regisseur Jules Dassin selbst als Cesare), betritt den Ort, an dem sie ihre kriminelle Energie umsetzen wird, die sie allesamt vor Ablauf der Nacht zu reichen Männern machen soll. Während der gesamten Zeit dieses Einbruchs wird kein Wort gesprochen, man hört lediglich die Geräusche, die bei ihrer Arbeit unvermeidlich sind, sowie ein unterdrücktes Husten von Toni ... und man meint schon fast, den Schweiß der Männer riechen zu können, die Nerven des Zuschauers sind beinah genau so angespannt, wie die der Gauner, die Zeit schreitet erkennbar voran. Zusätzliche Spannung entsteht - nachdem das nervenaufreibende Werk erfolgreich vollbracht wurde -, als zwei Polizisten in den frühen Morgenstunden das Fluchtauto - natürlich ein gestohlener Wagen - entdecken. Doch auch diese Hürde wird genommen und es werden auch noch sämtliche, gebrauchten Werkzeuge entsorgt, bevor nach knapp 24 Minuten die Musik wieder einsetzt und nach einer weiteren erstmals wieder eine menschliche Lautentäußerung hörbar wird.
Diese Szene allein schon macht RIFIFI ansehenswert! Doch was bis hierhin erfolgreich absolviert wurde (im Rahmen des inhaltlichen Kontexts), verflüchtigt sich fortan und der 'zweite Teil' des Films wird mehr zu einem düsteren Unterwelt-Drama, das auf der Basis all dessen reift, was einen Film Noir ausmacht: Hab- und Vergeltungssucht, Eifersucht und Neid, menschliche Laster ... doch wie geschickt Jules Dassin all diese Komponenten miteinander verwoben hat, wie schlüssig der 'zweite Teil' auf dem ersten aufbaut und wie fatal zum Ende hin alles entgleist ... das muß man selbst gesehen haben.
Trotz des französisch klingenden Namens war Jules Dassin gebürtiger Amerikaner, dabei russisch-jüdischer Herkunft. Als Hollywood Regisseur bescherte er dem 'Noir-Genre' bereits in den 40ern zwei Klassiker, BRUTE FORCE (mit Burt Lancaster in dessen 2. Film) und THE NAKED CITY. Aufgrund einer früheren Zugehörigkeit zu einer kommunistischen Gruppierung bekam er zum Jahrzehntwechsel, während der McCarthy Ära, Berufsverbot. In London drehte er 1950 für die FOX-Studios noch NIGHT AND THE CITY (mit einem jungen Richard Widmark), der von vielen ebenfalls als ein Noir-Meisterwerk angesehen wird. Am finalen Schnitt dieses Films konnte Dassin vor Ort jedoch nicht mehr mitwirken. Seine angekratzte Reputation stand ihm auch während der kommenden Jahre in Europa im Weg, mittlerweile verarmt, übernahm er 1955 die Regie für RIFIFI (für die bereits Jean-Pierre Melville im Gespräch gewesen sein soll) im Sinne einer reinen Auftragsarbeit zum Broterwerb - und heraus kam dabei einer der Klassiker der (nicht allein französischen) Filmgeschichte. RIFIFI ist einmalig, da ein amerikanischer Filmregisseur, der in dem Genre 'groß geworden' ist, erfolgreich demonstrieren konnte, daß die Rezeptur nicht allein in Straßenschluchten amerikanischer Großstädte anwendbar ist, sondern genau so gut in Paris funktioniert. RIFIFI ist kein amerikanischer Film und unterscheidet sich dennoch von den Werken Melvilles oder Truffaut's SCHIESSEN SIE AUF DEN PIANISTEN, RIFIFI's Kombination von Amerika und Frankreich ist einzigartig - Dassin, der Amerikaner im Exil, brachte 'Noir' zurück in das Land seiner verbalen Herkunft.
Als Bonus-Material gibt es auf dieser DVD - deren Ton- und Bildqualität auch nach über einem halben Jahrhundert keinen Anlaß zur Beschwerde bietet - lediglich den Original Kinotrailer. Dafür gibt's den Hauptfilm aber in zwei Fassungen: In der gekürzten deutschen Kinofassung, sowie in der 7 Minuten längeren Originalfassung (die Passagen in der obligatorischen französischen Sprache sind dabei deutsch untertitelt).
Der Film ist ein 'Muß' für jeden, der das Genre 'Film Noir' mag, für jeden, der gern französische Filme verschiedenster Zeitalter sieht, sowie ... im Grunde für jeden, der einen wirklich guten Film zu schätzen weiß. RIFIFI darf in keiner gut sortierten Filmsammlung fehlen! Dringend empfohlen!!! -- theSilentNoirFreak