(Vorsicht, Spoiler!)
Einfach alptraumhaft, diese Stimme aus dem Grab, mit der der soeben am Boden zerschellte Sir Humphrey Pengallan (Charles Laughton) nach seinem treuen Faktotum (Horace Hodges) ruft. Dies ist beileibe kein Happy End, und die Heldin Mary Yellen (Maureen O'Hara) sieht denn auch alles andere als glücklich aus, als der biedere Polizist Trehearne (Robert Newton) sie am Arm nach Hause geleitet - dort, wo kurz zuvor ihre Tante und einzige noch lebende Verwandte von der Hand des schurkischen Pengallan ins Jenseits befördert worden ist. Daphne du Maurier war von der filmischen Umsetzung ihres Romans not amused, und nur Hitch dürfte froh gewesen sein, als die letzte Szene dieses Filmes abgedreht worden war, denn endlich war er sein verhaßtes Kind los.
Ko-Produzent und Hauptdarsteller Charles Laughton hatte dem Regiegenie mehr als einmal in seine Arbeit hineingeredet und mit seinem Wunsch nach einer größeren Gewichtung seiner Figur dafür gesorgt, daß schon recht früh deutlich wurde, daß der Lebemann und mehr und mehr dem Wahnsinn verfallende Squire Pengallan der geheime Kopf der Riffpiraten ist, die im Jamaica Inn hausen und arglose Schiffer durch falsche Lichtzeichen nächtens an den Klippen auflaufen lassen. Hitchcock selbst hatte "Jamaica Inn" (1939), sein letztes britisches Werk, in der Art eines Whodunnit verfilmen wollen, aber gegen den umtriebigen Laughton den Kürzeren gezogen.
Meiner Meinung nach ist das ein großes Glück gewesen, denn auf diese Weise verfügt der Zuschauer über größeres Wissen als die mutige Mary und der in seiner Rechtschaffenheit doch etwas langweilige Trehearne, und so steigt die Spannung ins Unermeßliche, wenn sich die beiden Helden, verfolgt von den blutrünstigen Piraten, in ihrer Not an eben den Mann wenden, der eigentlich ihr größter Feind ist. Besonders die Szenen, in denen Pengallan mit Mary und Trehearne ins Jamaica Inn zurückkehrt, um den Piratenanführer Joss Merlyn (Leslie Banks) zu verhaften, gewinnen durch ihre für den Zuschauer offenkundige Doppelbödigkeit eine atemberaubende Intensität, vor allem weil außer Joss keiner der Piraten weiß, wer ihnen in Pengallan gegenübersteht. Zudem gelingt es Laughton, aus seinem Sir Humphrey ein sehr unterhaltsames, mit allen Wassern gewaschenes Scheusal zu machen, das man mit einer Mischung aus Belustigung - etwa wenn er seinen Diener fragt, was sein eigener, Pengallans, Lieblingssee im Lake District sei -, Abscheu und Furcht betrachtet. Schon in seiner ersten Szene im Film hängt die Kamera an Sir Humphreys Lippen, während er sich seinen Gästen als leicht gelangweilter Ästhet zu erkennen gibt. Er scheint von einer bildschönen jungen Frau zu schwärmen, doch schließlich entpuppt sich der Gegenstand seiner Schwärmereien als ein Rennpferd, das denn auch prompt von einem Bediensteten in den Saal geführt wird - eine kleine Reminiszenz an Kaiser Caligula, dem man ja ebenfalls Wahnsinn nachsagt und der sein Lieblingspferd zum Konsul gemacht hat? Schon bald allerdings hängt sich Sir Humphreys Begierde an einen neuen Gegenstand - die junge Mary Yellen, mit deren Verkörperung die unvergleichliche Maureen O'Hara den Grundstein ihrer Hollywood-Karriere legte, übrigens ebenfalls gefördert von Laughton.
"Jamaica Inn" ist sicherlich ein Film, auf den Hitchcock nur einen vergleichsweise geringen Einfluß nehmen konnte - so wird man auch vergeblich nach einem Cameo suchen - und der auch einige äußerst schwache Szenen enthält - die Verfolgungsjagd Mary und Trehearnes an den Klippen strotzt nur so vor Ungereimtheiten -, aber Laughtons Figur sorgt für Spannung und für Witz und für ein sehr düsteres Ende, und wer gern einmal Robert L. Stevenson liest, der wird auch diesen Film mögen. Besonders empfehlenswert für eine stürmische Regennacht à la Bulwer-Lytton!