Wie alle Autoren, die sich mit jenen Figuren auseinandersetzen, die im Nationalsozialismus schillerten und danach nicht mehr recht auf die Beine kamen, muss Mario Leis den Spagat vollbringen zwischen politischer Korrektheit und adäquater Würdigung einer außergewöhnlichen Persönlichkeit, die ihre Kunst auf ihre Weise vorangebracht und geprägt hat.
Riefenstahls unkonventionelles Wesen, ihr Eigensinn, der sie zunächst zu Auseinandersetzungen mit dem Vater führte und sie gerade deswegen ihren eigenen Weg finden ließ, wird in diesem Buch detailliert nachgezeichnet. Der Mut, den eine Frau im wilhelminischen und Weimarer Umfeld benötigte, um einen Weg zu gehen wie sie, zeigt sich sehr klar. Freilich betont der Autor - und, wie er anhand von Quellen nachweist, zu Recht -, dass Riefenstahl sich in ihren autobiografischen Aufzeichnungen stets besser hingestellt hat, als es der Wirklichkeit entsprach; vom Schneiden verstand sie als Filmregisseurin etwas.
Mit der gebotenen Präzision geht der Autor auf die Verwicklungen Riefenstahls in die nationalsozialistischen Machenschaften ein: ihre Rolle als williges Instrument der Propaganda, auch wenn sie dies immer hartnäckig geleugnet hat, aber auch ihren Protest gegenüber Gräueln an der Kriegsfront, dem der Einsatz von "Zigeunern" aus einem KZ in einem ihrer Filme gegenübersteht.
Leni Riefenstahl erscheint als widersprüchliche, im Rahmen ihrer narzisstischen Denkweise opportunistische Persönlichkeit, die es verstand, jede sich bietende Gelegenheit zur Profilierung ihres Selbst und zur Aufbesserung ihrer Finanzen zu nutzen. Liebschaften werden teils erwähnt, doch nicht hoch bewertet.
Womöglich etwas einseitig sieht die Auseinandersetzung des Autors mit Riefenstahls Nuba-Projekten aus. Hier werden der Filmemacherin und Fotografin eine Naivität und Selbstfixierung unterstellt, die zwar in das im Buch skizzierte Bild, jedoch im Einzelnen nicht zu Riefenstahls eindrucksvollen Fotos passen. Kurz, deren Qualitäten bleiben im Buch hinter der kritischen Auseinandersetzung mit ihrem "braunen" Hintergrund und ihrem Narzissmus etwas zurück.
Insgesamt aber weiß das Buch einen kurzen und prägnanten Eindruck von Riefenstahls Persönlichkeit, Werdegang und Wirken zu vermitteln, der durch viele Fotos unterstützt wird und definitiv Interesse an dieser außergewöhnlichen und umstrittenen Persönlichkeit zu wecken vermag.