Es ist 1975. Drei begnadete Musiker geben ein Live-Konzert in einer Kathedrale in Frankreich. Und erfinden dabei sich selbst und dazu gleich die gesamte elektronische Musik neu. Das Album ist ein Mythos, eine jener raren, außergewöhnlichen Glücksfälle, wo eine Sternstunde live dokumentiert wurde, gleichsam zum Miterleben, Nachvollziehen, für sich selbst Entdecken.
Kein Genius, keine Muse kommt völlig unangekündigt; wir müssen Ricochet Part 1 als Overtüre betrachten, als Vorbereitung auf das Unfassbare. Part 1 ist 'konventionell' nach damaligen Begriffen - Tangerine Dream, wie in Phaedra oder Rubicon vorexerziert, mit phrasenhaften, orchestralen Themen die sich meist gekonnt perpetuieren und uneingeschränkt dem Psychedelischen frönen; auch wenn wir bereits gelegentlich das Feuer des Kommenden ahnen, bleibt Part 1 guter TD Durchschnitt ohne echte highlights.
Ja, und dann kommt Part 2. Der Beginn ist fast zögerlich - ein behutsames, an Chopin erinnerndes Pianothema, das sich vor dem Zuhörer zunehmend zu einem furiosem, atemberaubenden Feuerwerk von ungeheurer Dichte und Brillianz entwickelt; die fugenhaften Patterns entrollen einen Klangteppich, dessen Intensität und Kraft dich fortreißt und gut ist für permanentes, wohliges Rieseln auf der Haut. Dabei bleibt das Timbre stets transparent und verliert nichts von der süchtig machenden Brillianz; kein Begriff könnte dieses rhythmisch auf den Klangwellen Surfen besser beschreiben als der Albumtitel selbst - Ricochet.
Nach einem kurzen industriehaften Intermezzo, das uns fast störend aus dem Traumtanz reißt, steigert sich Part 2 zum endgültigen Finale. Musikgeschichte wird geschrieben, drei Musiker am Höhepunkt ihres künstlerischen Schaffens werden sich ihrer Sternstunde selbst gewahr und vollenden ihr Werk in meisterhafter, endgültiger Präzision, ohne die erfrischende Leichtigkeit, die Part 2 durchwebt, getragenem Pathos bewährter Natur zu opfern. Noch einmal tauchen wir ein in den Rausch von Ricochet, nachdrücklich und unwiderruflich, unbedingt und für alle Zeiten.
Ricochet ist selbsterklärend; es erschließt sich dem Hörer ohne Erklärungsbedarf oder intellektuellem Manifest, und klingt auch nach über 30 Jahren frisch und unverbraucht. Es fällt manchmal schwer zu glauben, tatsächlich eine Live-Aufnahme zu hören. Anders als bei üblichen Live-Aufnahmen ist hier nicht die handwerkliche Virtuosität der Musiker im Vordergrund. Nein, es ist die Musik selbst, deren Live-Geburt Erstaunen und Bewunderung hervorruft; dass ein Stil, der prägend für die elektronische Musik im allgemeinen und Tangerine Dream im besonderen live und vor deinen Ohren entsteht, und fortan die Essenz der Musik von TD bilden wird.