Irgendwo zwischen zwei abgelegenen Jura-Nestern in der Schweiz der 50er Jahre wird ein junger hoffnungsvoller Polizist in seinem Auto erschossen -- als dieser Roman erstmals erschien, sicher ein kaum zu fassender Tatbestand. Dementsprechend komisch liest sich denn auch, wie der biedere Dorfpolizist, der die Leiche fand, nun vorgeht. Erstaunlich nur, dass der zuständige Ermittler in Basel, Kommissar Bärlach, ob solch himmelschreiender Stümperei nicht zu toben beginnt. Es scheint fast, als brauche er gar keine exakte Untersuchung des Tatortes. Und wie sich später herausstellt, braucht er die tatsächlich nicht...
Dürrenmatts Kommissar Bärlach gehört nicht zu den strahlenden Helden der Kommissars-Zunft. Ein schwerkranker Misanthrop aus Erfahrung, der im günstigsten Fall noch ein Jahr zu leben hat... Man fragt sich, was so einen dazu bringt, sich an einem Mordfall so festzubeißen, wie er es tut. Denn auch wenn Bärlach den größten Teil der Ermittlungen scheinbar an seinen Untergebenen Tschanz delegiert, so merkt der Leser doch gleich (im Gegensatz zu Tschanz), dass Bärlach sich hier mit Haut und Haar engagiert.
Im Laufe der Handlung wird schnell klar, warum Bärlach nicht locker lässt: Es gibt einen Zusammenhang zu einer alten Wette, die er am Anfang seiner Karriere mit einem abenteuernden Vagabunden in einer Kaschemme in Konstantinopel geschlossen hat. Seitdem entwickelte sich sein Wettgegner zum Verbrecher aus Prinzip, während er Karriere machte als Kommissar -- aber ausgerechnet jenem Wettgegner konnte er nie dessen zahlreiche Verbrechen nachweisen.
Es geht Bärlach also um Gerechtigkeit -- so scheint es. Und tatsächlich stellt er am Ende auch Gerechtigkeit her, aber nicht so, wie man es sonst bei Krimis erwartet. Eine pessimistischere Pointe kann man sich kaum vorstellen für eine Krimihandlung, obwohl doch jeder bekommt, "was er verdient".
Ich empfand "Der Richter und sein Henker" trotz des präzise entwickelten Plots und der stringenten Ermittlung weniger als Krimi, viel eher als Parabel. Dazu trägt sicher bei, dass Dürrenmatt seine Figuren seltsam schemenhaft zeichnet -- sogar Bärlach, der noch am plastischsten von allen erscheint, hat etwas von einem Archetypus. Tendenziell eher Typen als realistische Figuren sind auch die meisten Protagonisten, Bärlachs Vorgesetzter durchaus mit komischen Zügen; am lebendigsten wirkt noch die Charakterisierung ausgerechnet des ermordeten Ulrich Schmied. Und zu einer Parabel auf die Frage, ob Recht und Gerechtigkeit immer dasselbe sind, passt auch die Sprache, in der dieser Krimi geschrieben ist: Kurze lakonische Sätze, direkte Rede, keine inneren Monologe, die dem Leser das Innenleben der Figuren näherbringen. Jede Figur eine Blackbox.
Und doch muss ich mir sofort widersprechen: "Der Richter und sein Henker" ist andererseits ein Krimi reinsten Wassers, jedenfalls was seinen Aufbau angeht. Und Bärlach hat von Anfang an einen konkreten Verdacht, erfährt man (allerdings verschweigt er, gegen wen der sich richtet). Wer genau liest, wird bald denselben Verdacht hegen wie Bärlach. Aber als guter Krimi-Autor versteht es Dürrenmatt, dem Leser mehrere viel scheinbar näher liegende Spuren zu präsentieren -- das A und O eines jeden echten Whodunnit.
"Der Richter und sein Henker" liest sich schnell und unkompliziert, obwohl er alles andere als unkompliziert ist. Warum man ausgerechnet diesen nur scheinbaren Krimi so oft in Schulen liest, ist mir daher ein Rätsel. Aber ein empfehlenswertes Buch ist es auf jeden Fall.