Ja: "Menschenintelligenz"! Mir ist das obige Wort eingefallen zu diesem Geist, der mir aus diesen Gerichtsreportagen entgegengetreten ist. Verständnis kann ja jeder haben, der einigermaßen guten Willens ist, das Wort klingt doch mehr nach jemanden, der nach vorn sein Urteil sprechen will, sich aber dank besser Einsicht wieder nach hinten fallen lässt. Das Durchdringen aber der menschlichen Dramen, wie wir es hier erleben können, hat mit dieser weichen Zurücknahme nichts zu tun. Der Mann, der sich "Sling" nannte, in bürgerlichen Leben Paul Schlesinger hieß, als völliger - juristischer und journalistischer Laie in den 20er Jahren für die "Vossische Zeitung" Gerichtsreportagen schrieb, hat vielmehr etwas Durchdringendes und Zupackendes. Er ist zwar ein Menschfreund, aber er ist auch deswegen, weil er ein Anthropologe ist. Nirgends wird man mit Fragen des Menschen so konfrontiert wie dort, wo man ein moralisches Urteil über ihn sprechen muss. Jeder Einzelfall, der diesem "weisen Sling" (so von seinen Zeitgenossen, darunter auch Richtern genannt) im Moabiter Gerichtssaal zu Gesicht kommt, sieht er als einen Fundstück an, das im Kenntnis und Einblick über die allgemeine Tragödie des Menschseins gibt. Ein vielzitierter Satz von ihm: "Der Mensch, der schießt, ist ebenso unschuldig wie der Kessel, der explodiert, die Eisenbahnschiene, die sich verbiegt, der Blitz, der einschlägt, die Lawine, die verschüttet. Alles tötet den Menschen, auch der Mensch tötet den Menschen." Wer heute die fiktionalisierten Kriminalfälle des Strafverteidigers Ferdinand von Schirachs mit Interesse liest, und dem nach einer Ergänzung oder Fortführung verlangt, der wird sich mit dieser hochlobenswerten Herausgabe von Slings Gerichtsreportagen hervorragend bedient fühlen.