Zusammenfassung: Der Politologe Prof. Udo Bermbach bietet in diesem hervorragenden Buch eine nüchtern, präzise, detailliert und dezent wertende Gesamtschau der vielschichtigen Verfälschungen der Werke Richard Wagners. Erläutert wissenschaftlich belegt, wie Wagner in das ideologische Fahrwasser rassistisch, nationalistischer Ideologie geriet. Verschweigt aber keineswegs die sehr ambivalente, ideologische Grundstruktur seiner Werke sondern erläutert sie sachgerecht. Mit dem vermittelten Wissen wird jedem ernsthaft an Wagner Interessierten, der an Fakten und nicht an vorurteilsbehafteten, unterstellenden, Annahmeideologien interessiert ist, deutlich, wie sich die rezeptionsgeschichtlichen Interpretationsauseinandersetzungen bis in die heutige Zeit fortpflanzen.
Da stehen sich die Fraktionen der Wagnerianer konfrontativ gegenüber, die in der Alt-Bayreuther Tradition ihren Meister doktrinär als nordisch-germanisch-mythisch- inhaltsnebulösen, romantisch - völkischen Seelenbeglücker zurechtfrisiert sehen möchten, gegen die Fraktion, die ihn, unter Mißachtung der vollkommen unterschiedlichen Positionen, zum geistigen Vorläufer Hitlers stilisieren will und letztlich die Richtung, die versucht, Wagner seriös, wissenschaftsgerecht, möglichst ideologiefrei, inhaltlich aufzuarbeiten.
Wertung des Rezensierenden:
Wagner ideologiefrei zu diskutieren, ist auch heute ein sehr schwieriges Unterfangen, ist doch auch die Interpretationsgeschichte nach 1945 zuerst von selbstreinwaschenden,ideologischen Wendehälsen bestimmt worden. Und auch heute ist die Gruppe der Alt-Wagnerianer, die ein äußerst bedenkliches,rechtslastig rassistisches, ideologisches Wahrnehmungs- und Bewertungsgrundpotential in sich trägt, das unter anderen politischen Voraussetzungen sofort wieder zum Tragen käme, immer noch-wenn auch relativ bedeckt- vorhanden.
Der Komponist wird auch zukünftig Anlaufstation für jene sein, die ihn zum völkischen Ersatzreligionsstifter umfunktionieren wollen, deren psychische Grundbefindlichkeit nach einem nordischen Erlöser schreit und dabei - wie auch bisher - keine Rücksicht auf die wissenschaftliche Faktenlage nehmen werden, denn, wer aus dieser Befindlichkeit heraus, glauben will und muß, läßt sich diesbezüglich nicht rational hinterfragen.
Deutlich wird, wie eben gerade humanistische Grundideale in ihr Gegenteil verkehrt worden sind und immer wieder in dieser Gefahr stehen, wenn sie von Positionen ausgehen, die den Menschen als verhaltenslimitierenden Faktor negieren.
Empfehlung:
Mit diesem Buch sowie dem Buch "Blühendes Leid" -Politik und Gesellschaft in Richard Wagners Musikdramen- leistet der Autor einen hervorragenden Beitrag zum Wagner Verständnis. Es sei ausdrücklich jedem empfohlen, der eine seriös wissenschaftliche Aufarbeitung und Darstellung schätzt. Leider werden es wohl die Wagner-Ideologen, die es insbesondere angeht, entschieden ablehnen, ist hier Wagner doch nüchtern, rational geerdet.
Es sei aber auch denen empfohlen, die es mit ihrem ausschließlich naiv romantischen Wagner Verständnis, jedem Künstler schwer machen, für die Bühne zu arbeiten ohne sofort mit einer Terminologie, die an die Reichsmusikkammer im Dritten Reich erinnert, als Verfälscher, Verhunzer, Vergewaltiger, abgekanzelt zu werden. Mit einer aus reinen Bauchgefühlen abgeleiteten Emotion, die jegliches Fachwissen vermissen läßt, kann man dem Künstler Wagner nicht gerecht werden.