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am 1. Januar 2014
Um Mißverständnisse von vornherein zu vermeiden: Das ist KEINE Biographie von Richard Wagner und schon gar keine fortschreitende Lebensbeschreibung! Bis auf das letzte ist jedes der 14 Kapitel einer oder mehrerer von Wagners Opern gewidmet – und genau darum geht es in der Hauptsache auch: um Wagners Opern bzw. Musikdramen. Also nicht um sein Leben, nicht um seine Entwicklung, nicht um seine Zeit und auch nicht um Oper und Musikdrama im 19. Jahrhundert im allgemeinen, sondern ausschließlich und sehr kritisch um Wagners Opern.

Was für eine Enttäuschung - und dabei ist Martin Geck ja nicht irgendwer. Er war Professor für Musikwissenschaft an der Universität Dortmund, Gründungsredakteur der Richard-Wagner-Gesamtausgabe und hat für rororo eine gut lesbare kleine Wagner-Monographie verfaßt.

Der sollte doch der richtige Mann für das große, neue Wagner-Buch sein. Könnte man meinen, ist aber nicht so, denn das, was der Verlag hier als „Biographie“ anpreist, ist keine Lebensbeschreibung, sondern ein faktenreicher Gang durch Wagners Opern. Selbst das wäre ja noch in Ordnung, wenn Geck zu den einzelnen Werken etwas Neues zu sagen hätte. Aber ach: Seite um Seite werden Zitate edler und großer Namen (Nietzsche, Th. Mann, B. Shaw, Adorno, Benjamin, Foucault, Schnädelbach etc.) aneinander gereiht, nur um im Ring-Kapitel doch wieder bei der alten Binsenweisheit von Carl Dahlhaus zu landen, die da lautet: „Der Mythos wurde von Wagner restauriert, um destruiert zu werden.“ All das ist auch noch ziemlich unstrukturiert, weitschweifig und durchzogen von jenem zeitgeistigen moralischen Relativismus, der da tumb-fröhlich ausruft: „Ich bin okay, Du bist okay!“

Obwohl für Geck alle okay sind, gibt es natürlich eine Ausnahme: Wagner selbst! Der war, ist und bleibt nämlich überhaupt nicht okay. Auch dieser Autor macht den Fehler, ganz ahistorisch anzunehmen, daß Wagner gewissermaßen die Filmmusik für die NS-Zeit geschrieben habe - 80 Jahre, bevor die überhaupt anfing. Ganz besonders schlimm verhält es sich anscheinend mit dem Lohengrin, Hitlers Lieblingsoper, über die Geck schreibt: „In meinen Augen vermag Wagners Lohengrin seine Affinität zu Nationalismus und Nationalsozialismus nur schwer zu verleugnen“, obwohl nur zehn Seiten weiter Lohengrin als „deutsches Märchen“ bezeichnet wird.

In einer völligen Verkennung von Ursache und Wirkung und wider alle Geschichtswissenschaft und Psychologie wird Hitler mit Lohengrin gleichgesetzt, Hitler als „Führer à la Lohengrin“ (S. 118) bezeichnet und ganz allgemein Wagner und sein Lohengrin zu einer der Ursachen für den Nationalsozialismus erklärt: „Hitler als Führer à la Lohengrin, der von einem ebenso fernen wie mysteriösen Gral ausgesandt wurde, um seinem Volk die verlorene Würde zurückzugeben, wenn es nur blind an ihn glaubt – diese Vorstellung wurde den Menschen nicht aufoktroyiert, war vielmehr in ihren durch entsprechende Sozialisation (= Richard Wagners Musik; TWJ) seit Generationen angelegt. S. 118

Das ist ein kompletter Unsinn und an den Haaren herbeigezogen!

Bei soviel kreativer Fantasie kann es nicht verwundern, daß der Autor beim Handwerk zu schlampen anfängt. Da hat dann die Zeit, die ja für lebenswichtige Ideologiekritik draufgegangen ist, vermutlich nicht mehr gereicht.

So hat das Vorspiel zum Rheingold nicht 136 Takte, wie der Autor auf S. 183 behauptet, sondern in allen Partituren der Welt exakt 108, denn dann setzen die Rheintöchter mit Weia! Waga! ein, und da ist das Vorspiel dann vorbei.

Auf S. 127/28 wird Wagner ausnahmsweise einmal gelobt, und es werden Harmonik und Orchestration im Lohengrin für gut befunden. Hier will der Autor nun erklären, daß die harmonische Fortschreitung von B-Dur zum Dominantseptakkord (von E-Dur) über fis zwischen der zweiten und dritten Szene des dritten Aktes eine tolle Sache sei, die sogar Franz Liszt gefallen hat – nur ist die harmonische Analyse falsch. Wagner moduliert hier nämlich in einem Takt von B-Dur nach E-Dur, indem er das B enharmonisch zum Ais umdeutet und über dem Fis im Baß einen Terzquartakkord in E-Dur erreichtet, diesen dann aber sofort in einen Dominatseptnonakkord in E-Dur überführt und von da an weiter, erst nach cis-Moll (Tonika-Parallele von E-Dur) und dann in die Subdominante von E-Dur (A), schreitet. Der von Martin Geck hier gefundene Sextvorhalt kommt überhaupt nicht vor, es ist ein ganz normaler und altbekannter Quartvorhalt.

Das, was Wagner hier tut, ist allerhöchste harmonische Kunst, und Geck hätte noch hinzufügen können, daß Wagner genau an dieser Stelle, an der Lohengrin und Elsa nach der Hochzeit mit dem berühmten Marsch zum ersten Mal alleine zusammen sind, mit E-Dur nicht nur die konventionelle Tonart der Liebe im 19. Jahrhundert und bei Wagner selber (Tristan!) gewählt hat, sondern auch die Tonart, die von Elsas As-Dur und Lohengrins A-Dur jeweils gleichweit, nämlich um eine Terz, entfernt ist, was bedeutet: die Liebe kann beginnen.

Es wäre doch wirklich schön, wenn Wagners ach so scharfe Kritiker auch nur ein Zehntel seines Musiverstandes besäßen.
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TOP 500 REZENSENTam 14. August 2015
Jeder aus Kultur, Philosophie und Kunst hat sich wohl schon zu Wagner geäussert, von Nietzsche bis Mann. Martin Geck hat es vielleicht am geschicktesten getan. Er konzentriert sich auf die Musik Wagners. Erwarten Sie also keine klassische Biographie. Martin Geck geht chronologisch vor.
Er beginnt mit dem "Leubald"-Drama des Jünglings Wagner, dann die Frühwerke, die realisierten und nicht realisierten Opern und Musikdramen bis hin zum "Parsifal". Kapitel für Kapitel wird vor dem biografischen Hintergrund erklärt, gedeutet und interpretiert. Dabei geht es weniger um historische Genauigkeit, sondern vor allem darum, sich selber und den Lesern klar zu machen, warum es lohnt, sich heute mit diesem widersprüchlichen, abstoßenden und anziehenden Künstler und seinem Werk auseinander zu setzen.
Thema ist also eine Würdigung von Wagners Werk. In 14 Kapiteln arbeitet sich Martin Geck durch die Werke von den ersten Anfängen bis Einfluss der wagnerschen Musik auf die Moderne
Es gehe nicht darum, durch fortdauernde Sichtung des Materials »zu immer ›sachgerechteren‹ Urteilen« zu gelangen, sondern die Subjektivität und Vorläufigkeit derselben zu begreifen: »Ich will nicht Wagner auf die Schliche kommen, sondern mir selbst und meiner Zeit. (Seite 14 )
Martin Geck schreibt mit leichter Hand, setzt viele Details aus Wagners Leben und geschichtlichen Umständen, Zitate von Dichtern, Denkern und anderen Künstlern, sowie eigenen Gedanken, natürlich auch musikalische Betrachtungen zu einem faszinierenden Bild zusammen, das uns Wagner Stück für Stück näherbringt und uns Lust macht, seiner Musik neu und vorurteilsfrei zu begegnen.
Orchestermelodie und Leitmotivtechnik sind die entscheidenden Bestandteile von Wagners Kunst. Richard Wagner selbst spricht nicht von Leitmotiven in seinen Opern und Musikdramen, sondern von „Erinnerungsmotiven“. Sein Ring der Nibelungen ist geradezu von einem Geflecht von Leitmotiven durchzogen. Sie leiten sich häufig voneinander ab, unterscheiden sich durch geringfügige Änderungen in Notenwert oder Rhythmus sowie in der Instrumentation zwar deutlich, aber bleiben dennoch motivisch verwandt. Es behält fast immer eine prägnante, fest umrissene Gestalt. So kann der Zuhörer vor allem innerhalb eines längeren Werkzusammenhangs sie wiedererkennen. Als Leitmotiv eignen sich daher nicht nur charakteristische Melodien oder Melodie-Teile sondern auch ungewöhnliche Akkorde wie der Samielakkord in Der Freischütz (1821) und, am bekanntesten, der Tristanakkord.
Riesig ist dann der Schritt zum "Ring", wo das Orchester in allen wichtigen Handlungsmomenten die Führung übernimmt und mit den Leitmotiven ein System entwirft, das in seiner Komplexität und Aussagefähigkeit an eine Sprache heranreicht. Es hat etwas überaus Bestrickendes und auch etwas Verstrickendes. Wenn es eine Wagner-Sucht gibt - und es gibt sie ja -, dann ist sie sicher zum großen Teil auf die Verführungskraft dieser Leitmotivsprache zurückzuführen, in der sich der Hörer bald bewegt wie in einer Parallelwelt.
Der "Tristan" stellt hier einen Höhepunkt dar. Die Motive befinden sich in ständiger Verwandlung, modifizieren ihre Intervalle, changieren im Tongeschlecht, modulieren, verschmelzen. Dem entspricht eine Seelenlandschaft, in der Liebe und Tod, Liebesverlangen und Liebesverbot, unwiderstehlicher Drang von innen und unüberschreitbare gesellschaftliche Regeln in einer Weise ineinandergreifen, wie es Worte nicht mehr ausdrücken - wohl aber die Musik, diese Musik. Eine Musik, deren Sprache Wagner erst erfinden musste.
Noch spannender ist Gecks Nachweis der inneren Verwandtschaft entscheidender Leitmotive, so unterschiedlich sie beim bloßen Hören erscheinen. Auch das hat er natürlich nicht als Erster bemerkt. Er beschreibt und belegt es aber meines Erachtens besonders überzeugend und nachvollziehbar. So haben das Walhalla-Motiv, jene prächtige, pompöse, selbstgewisse Burgbesitzer-Dreiklang-Folge und das Ring-Motiv, unheimlich, verdreht, fahl und fatal, dieselbe Struktur; sie bauen auf Terzenfolgen auf. Hat man das begriffen, kommt man nicht umhin, das eine als Verfremdung des anderen zu hören - und umgekehrt.
So zeichnet sich dieses Buch durch eine sehr persönliche Note aus. Bei aller Gelehrsamkeit, bei aller wissenschaftlichen Akribie erfreut und erfrischt das Eingeständnis der Subjektivität und der Vorläufigkeit. Unter diesem Gesichtspunkten begibt sich der Autor auf den Weg durch das Werk des umstrittensten zugleich aber auch bedeutendsten Komponisten der letzten Jahrhunderte. Gesehen, gelesen, gehört vor dem Hintergrund seiner Zeit und im Spiegel der unseren. Das macht dieses Buch so lebendig und lesbar – gleichgültig wie der Leser zu Richard Wagner steht.
Das ist kein Buch für Anfänger, sondern für Fortgeschrittene. Noten lesen können wäre nicht schlecht, um die entscheidenden Belege von Gecks Beweisführung nachvollziehen zu können. Der Leser sollte auch Leben und Werk von Wagner gut genug kennen, um an dieser anspruchsvolle Lektüre auch Vergnügen zu haben.
Für Musiker und die, die sich ernsthaft mit Musik beschäftigen ist es eine Offenbarung
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am 19. März 2013
In mancherlei Hinsicht ist Martin Gecks "Wagner" ein seltsames Buch. Jedenfalls stellt sich die Frage, für wen es denn eigentlich geschrieben sei. Auf dem Buchrücken heißt es (in großspurigem Vermarktungs-Deutsch): "Wer Richard Wagner und seine Musik verstehen will, muss dieses Buch zur Hand nehmen". Zudem scheinen Marketing und Aufmachung zu suggerieren, dass dieses Buch sich als einführender Wagner-Schlüssel für Einsteiger und Neugierige anbiete und eigne. Immerhin kommt Gecks "Wagner"-Veröffentlichung rechtzeitig zum 200. Wagner-Geburtstag, wird aktiv beworben und verlockt (was die Präsentation betrifft) zum Lesen: Kurze, griffige Kapitel, nette Illustrationen, schöne Umschlaggestaltung. Auf der ersten Seite steht einfach: "Wagner", "Biographie". Alles wirkt einladend.

Aber schnell merkt man: Eine Biographie ist Gecks "Wagner" nicht. Das liegt spätestens sonnenklar zutage, wenn Martin Geck vom Dresdner Maiaufstand (und Richard Wagners Beteiligung) berichtet. Auf gerade mal vier Seiten fertigt Geck diesen sonst hitzig diskutierten Themenbereich ab. Und dann erklärt er (fast entschuldigend): "Es hat seinen Grund, dass dieses Kapitel mit ausführlichen biographischen Darlegungen beginnt" (S. 139). Knappe vier Seiten Mairevolutionsgeschichte sind nun wirklich keine ausführliche biographische Ausarbeitung; zumal nicht, wenn auf der ersten Buchseite "Biographie" steht.

Was aber ist Gecks "Wagner"? Irgendwie wirkt es wie ein langes Programmheft zum Wagnerschen Gesamtrepertoire. Das ist - per se - gar nicht (nur) negativ gemeint. Auf dem Niveau von anspruchsvollen Schallplatten- und Aufführungsbegleittexten referiert Geck über mehr oder weniger interessante (ihn persönlich interessierende) Teilmomente der Wagnerkunst. Dies sind die Früchte von Gecks Ansatz: Entstehungsgeschichtlich (chronologisch) geordnete Essays, denen man Gecks Begeisterung oft anmerkt. Und manchmal geht die Begeisterung mit ihm durch.

Gecks Aufsätze bergen manches Licht, werfen aber auch viel Schatten.

Einerseits beweist Geck vielfach, dass er klar formulieren und erhellend erklären kann. Seine erläuternde Darlegung zu Wagners "Oper und Drama" lohnt das Lesen. Sein ehrlicher Umgang mit der eigenen, subjektiven Sichtweise ist ansprechend und sympathisch.

Andererseits reiht Geck mitunter so viele Textpassagen anderer Autoren aneinander, dass sein Zitieren (beinah) wie eine wissenschaftliche Zwangshandlung anmutet (in der die eigenen Gedanken diffus werden und untergehen). Streckenweise gibt es keinen Absatz ohne Zitate von Proust, Mahnkopf, Adorno, Nietzsche, Mann, Benjamin, Baudelaire, Neuenfels, Bloch. Dabei ist es egal, ob sie etwas über Wagner zu sagen hatten - oder etwas gesagt haben, das man vielleicht irgendwie auf Wagner beziehen könnte. 921 Fußnoten (bzw. Endnoten) auf 324 Textseiten. Das mag eine statistisch beeindruckende Fleißarbeit sein. Beim Lesen ist es aber eine praktische Aufmerksamkeits- und Geduldsprobe.

Obendrein mutet Geck seinem Publikum (in der zweiten Buchhälfte immer häufiger) Sätze zu, die dem Autor vermutlich mehr Genuss bereiten als dem Leser. Über "Tristan und Isolde" schreibt er z.B.: "Was man aus Dichtung und Handlung mühsam herausfiltern muss, drückt die Musik wortlos aus: [...] sie versinnlicht sowohl die ständige Fluktuation alles Lebenden als auch die physikalische Theorie der Entropie, die den Wärmetod durch Erschöpfung aller kinetischen Energie beschreibt" (S. 260f.). Nicht nur Einsteiger und Neugierige haben keine Chance.

"Wer Richard Wagner und seine Musik verstehen will, muss dieses Buch zur Hand nehmen"? Wohl kaum. Aber sicher ist: Wer Martin Geck und seine "Biographie" verstehen will, muss (auch) einigen Frust und Enttäuschungen in Kauf nehmen, um ein paar erhellende Lichtlein zu finden.
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Es „wagnert“ allenthalben – aus Anlass des 200. Geburtstags von Richard Wagner am 22. Mai 2013. Nicht nur in den Opernhäusern dieser Welt, sondern auch bei den Verlagen. So sind schon mal einige durchweg interessante und lesenswerte Bücher erschienen wie „Mythos Wagner“ (Udo Bermbach), „Der Magier von Bayreuth“ (Barry Millington), Kerstin Deckers: „Wagner und Nietzsche“. Und Christian Thielemann bekennt ganz persönlich „Mein Leben mit Wagner“. Sie und mehr wollten und wollen diesem „schnupfenden Gnom aus Sachsen mit dem Bombentalent und dem schäbigen Charakter“ (Thomas Mann) auf die Schliche kommen. Diesem Genie, an dem sich die Geister scheiden, das bis heute polarisiert und das einst erst Freund dann Feind Friedrich Nietzsche hinterfragt hat: „Ist Wagner ein Mensch? Oder eine Krankheit?“

Nun – er mag das eine und das andere gewesen sein. Martin Geck geht es in seiner großen Wagner-Biographie jedenfalls nicht darum, Wagner auf die Schliche zu kommen, „sondern mir selbst und meiner Zeit“. Außerdem will Geck mit den üppig sprudelnden Wagner-Quellen sinnvoll umgehen und „…eine Brücke zu schlagen zwischen einstigen und gegenwärtigen Wagner-Diskursen…“.

Und dies ist Martin Geck, der nicht nur ein ausgewiesener Wagner-Spezialist ist, sondern auch mit einer epochalen Bach-Biographie, einer vielbeachteten Mozart-Biographie und einer bedeutenden Schumann-Arbeit Aufsehen erregt hat, bestens gelungen. Sein Ansatz ist die Fragestellung, was uns heute an Wagner fasziniert bzw. “Was treibt uns, wenn wir Wagner nahekommen oder uns von ihm abwenden?“ Und er bekennt: „Gehe ich, was Wagner betrifft, von meiner eigenen Wahrnehmung aus, so erlebe ich Faszination und Grauen in einem empfindlichen Gleichgewicht.“

So zeichnet sich dieses Buch durch eine sehr persönliche Note aus. Bei aller Gelehrsamkeit, bei aller wissenschaftlichen Akribie erfreut und erfrischt das Eingeständnis der Subjektivität und der Vorläufigkeit. Unter diesem Gesichtspunkten begibt sich der Autor auf den Weg durch das Werk des umstrittensten zugleich aber auch bedeutendsten Komponisten der letzten Jahrhunderte. Gesehen, gelesen, gehört vor dem Hintergrund seiner Zeit und im Spiegel der unseren. Das macht dieses Buch so lebendig und lesbar – gleichgültig wie der Leser zu Richard Wagner steht.

In diesem Sinne sind die einzelnen Kapitel dieser Biographie Programm. Von der „theatralischen Urszene: Von Leubald zu den Feen“ ist die Rede, von „’Tiefe Erschütterung’ und ‚heftige Umkehr’: Der fliegende Holländer“, vom Lohengrin als „Märchenstunde mit bösen Folgen“, vom Ring des Nibelungen „als Mythos des 20. Jahrhunderts“; “Eine prachtvolle, überladene, schwere und späte Kunst“ Die Meistersinger von Nürnberg; Auf ähnliche Weise ist von Tristan und Isolde („Eine mystische Grube zur Freude einzelner“) die Rede und vom Parsifal mit der schönen Überschrift: „Du wirst sehen, die kleine Septime war nicht möglich“.
Geck ist auf der Spur der Leitmotive im Leben Richard Wagners. Und alle Betrachtungen und Deutungen – sie sind durchweg philosophisch, musiktheoretisch und kulturhistorisch - der Werke stellt er immer auch in den Kontext der Lebensgeschichte Richard Wagners. Das betrifft den Künstler und den Revolutionär, den Schriftsteller und den Antisemiten, den ewigen Schuldner, ständig auf der Flucht vor seinen Gläubigern, der immer irgendwann auch Krach mit Freunden und Gönnern bekam, den Mann, der die Frauen liebte und immer wieder Probleme mit ihnen hatte. Richard Wagners Leben ist vergleichbar einem Opernlibretto – angefangen von der Geburt am 22. Mai 1813 in Leipzig bis zu seinem Tode am 13. Februar 1883 in Venedig. Denn: Bei Richard Wagner ging es immer ums Ganze, um „die Fülle des Lebens“ und um die Idee des Gesamtkunstwerks.

Martin Geck beschönigt bei aller Faszination am musikalischen Schaffen des Meisters aus Bayreuth nichts. Auch und vor allem nicht seinen Antisemitismus, der in dem Wagner’schen Pamphlet, in der unseligen Schrift „Das Judenthum in der Musik“ so erbärmlichen Ausdruck fand. Dabei war seine Haltung doch ambivalent. So zu den Juden in seinem direkten und indirektem Umfeld. In kleinen, sehr interessanten À propos wird diese Ambivalenz deutlich.

Martin Gecks Biographie fördert auf herausragende Weise Verständnis und vermittelt Erkenntnis. Auch letztlich dem Leser, der keine Noten lesen kann, von denen es – und das ist der einzige Einschränkung, die gemacht werden muss - allerdings einige gibt. Sie „erklären“ sich jedoch weitestgehend aus dem Text.

Nach der Lektüre wird auf jeden Fall auch leichter zu reden sein über Wagner und die Folgen in der Musik und über die Auswirkungen in der Politik bis in die heutige Zeit hinein.
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am 1. Januar 2014
Wer sich für Martin Gecks "Wagner" interessiert, sollte vor der Lektüre unbedingt hier noch einen "Blick ins Buch" werfen und das Vorwort lesen - in dem nämlich schreibt der Autor ziemlich genau, was er über Wagner sagen möchte und was nicht. Für Geck ist die Person Richard Wagner als Ganzes ein Gesamtkunstwerk, an dem sich Mensch und Werk nicht trennen lassen. Und da die Quellen ohnehin sehr oft verfälscht und manipuliert worden seien, sei nicht genau auszumachen, was für eine Person und was für ein Charakter Wagner eigentlich war. So liegt der Schwerpunkt des Buches in den Werken des Meisters, denen je ein Kapitel gewidmet ist. Man merkt sehr genau, dass sich Martin Geck jahrzehntelang mit Wagner beschäftigt hat: er hat sich viele Gedanken gemacht und seine Betrachtungen sind voll von musikästhetischen wie auch philosophischen Konnotationen.

Allein: eine "Biographie", wie es auch der Untertitel des Buchs verspricht, ist es nicht geworden. Die wenigen biographischen Notizen sind eher lustlos und kaum plastisch abgehandelt. Wer Wagner und seinen Lebenslauf nicht zumindest in Umrissen kennt, kommt der faszinierenden Ambivalenz seiner Person nicht näher. Einsteiger sollten eher zu anderen und vielleicht auch kürzeren und weniger komplexen Biographien greifen. Wer sein Wissen über die Hintergründe von Wagners Werk vertiefen möchte, ist bei Martin Geck und seinem gehaltvollen und daher nur konzentriert zu lesenden Werk gut aufgehoben.
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am 16. Dezember 2012
Ich bin sehr begeistert von dem Buch! Ich habe nach dem Lesen nun den Eindruck, selbst zu den Wagner-Kennern zu gehören, obwohl ich vorher nur sehr wenig musikgeschichtliche Ahnung hatte. Und das ist zweifelsohne die einzigartige Leistung des Autors, dem es locker und auf kurzweilige Art gelingt, einen Interessensog herzustellen, dass man aus dem Lesen und Mehr-Wissen-Wollen gar nicht mehr herauskommt und schließlich völlig fasziniert ist von der Musik, den Gedanken zu ihr, der Person Wagners, aber auch die eigene Position betrachten und hinterfragen mag. Auch als Einsteigerbuch also zu empfehlen.

Absolut nichts ist in dem Buch oberflächlich oder langweilig erzählt, ungemein lehrreich und dazu noch spannend wie ein gelungener Roman: ein Buch, das die Kraft hat, den Leser selbst zu verändern !

Viele Details aus Wagners Leben und geschichtlichen Umständen, Zitate von Dichtern, Denkern und anderen Künstlern, sowie eigenen Gedanken, natürlich auch musikalische Betrachtungen, werden wie ein bunter Flickenteppich aus verschiedensten Bereichen zusammengewebt, die es erlauben, sich Wagner Stück für Stück zu nähern und Lust zu bekommen, auch seiner Musik nochmal neu und vorurteilsfreier zu begegnen. Es sind aber auch gerade die offenen Fragen, die jede Ideologie sprengen und einen weiteren Horizont freigeben, so dass hier Engigkeit und Rechthabenwollen keinen Platz eingeräumt wird.

Die Kapitel sind akzeptabel kurz bzw. angemessen gehalten, so dass man immer wieder auch Luft für eigene Gedanken hat, aber auch so kurzweilig erzählt, dass man schnell mehrere Kapitel "wegliest" ohne es zu merken.
Vorher hatte ich Angst vor so vielen Seiten, aber auf den letzten Seiten angekommen wünschte ich mir, dass es nie enden möge! Denn mal ehrlich: Wo und bei wem kann ich in solch geballter Ladung quasi nebenbei so viel Bildung und Wissen auf einmal mitnehmen? Das ist wie an einer glänzend gelungenen Vorlesungsreihe teilgenommen zu haben und in der ersten Reihe zu sitzen: Fabelhaft! Absolut empfehlenswert! Ich bin sehr bereichert worden.

Und ein prima Weihnachtsgeschenk habe ich jetzt auch!!
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Vorneweg: dies ist keine Biographie, auch wenn dieser Begriff auf dem Buchcover geschrieben steht. Es ist eine Wagner-Bestandsaufnahme. Als solche funktioniert und unterhält dieses, durchaus teilweise aus subjektiver Sicht geschriebene, Buch von Martin Geck bestens.

Martin Geck geht chronologisch durch Wagners Werk - nicht durch sein Leben. Diese Tatsache mag besonders diejenigen unter den Lesern überraschen, die dachten, es sei eine echte, klassiche Biographie. Chronologisch, vom ganz frühen LEUBALD bis hin zum PARSIFAL, mit viel Fachwissen und vielen Zitaten. Es ist gut lesbar. Das Leben des Komponisten wird, wenn überhaupt, immer im Kontext zu seinen Opern erzählt. Inszenierungsfotos, vor allem der letzten Jahre (Lohengrin / Neuenfels oder Tristan / Marthaler), ergänzen die Texte.

Geck erzählt in den meisten Fällen die kleinen, unspektakulären Geschichten, wie z.B. von Hitler und Thomas Mann, die sich beide während der LOHENGRIN PREMIERE 1936 über die längere Gralserzählung (die in jener Aufführung verwendet wurde) wunderten; Hitler vor Ort in Bayreuth, und Thomas Mann zuhause in Zürich am Radiogerät (bei der Live-Übertragung aus Bayreuth). Beide müssen somit den LOHENGRIN fast auswendig gekonnt haben. Diese Geschichten machen den Unterhaltungswert von Gecks Bestandsaufnahme aus.

"Der Medienspektakel sind viele - Wagner gibt es nur einen" (Zitat) - der letzte Satz des Buchs.

( J. Fromholzer )
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am 12. November 2012
Ich habe seit einiger Zeit mal wieder eine deutsche Biografie gekauft - Wagner" von Martin Geck der - so wird immer wieder betont einer der fuehrenden Musikkritiker und Kenner unserer Zeit ist und dann folgt eine lange Latte von Referenzen wo er schon ueberall veroeffentlicht hat.

Doch hier ist Nomen echt Omen - der Mann ist ein wirklicher Geck. Er dreht sich in seiner Wagner Biografie ununterbrochen um sein persoenliches Buch-Wissen, zitiert seinen ganzen Buecherschrank und ist nicht in der Lage eine simpele journalistisch saubere und recherchierte Biografie ueber Richard Wagner, sein Leben und seine Musik zu verfassen.

Das scheint eine deutsche Krankheit zu sein weil Geck sich ununterbrochen entschuldigt warum er Wagner mag und doch nicht mag und von Baudelaire bis Thomas Mann alles zitiert was ihm ihm in die Haende faellt.

Daneben unterbricht er die ohnehin schon karge biografische Information seiner Buches dauernd mit A Propos Seiten ueber Mendelssohn Bartholdy den er wohl als Gegenkonzept (weil juedisch?!) zu Wagner dauernd zitiert. Es ist einfach grausam zu lesen.

Fuer den Leser den Schlauberger zu spielen kann ja wohl nicht das Ziel sein. Man fuehlt sich echt veralbert bei dieser permanenten Selbstdarstellung des Wissens des Autoren. Schoen fuer ihn - aber was hilft es dem Leser.

Der quaelt sich von Seite zu Seite durch unsinnige und ueberfluessige Literaturzitate.

Langweilig und uninspiriert das Ganze - aber dieser Geck ist sehr belesen - schoen fuer ihn.

Amerikanische Autoren die ich bei Biografien zumeist vorziehe - jetzt weiss ich auch warum - geben sich Muehe dem Leser das Erfahren unterhaltsam einfach zu machen und ihm trotzdem ein reiches Bild der Zeit und der Aktuere zu liefern. Und nicht eine Stiluebung fuer irgendwelche Literaturzirkel abzufassen.

Schlau wollen wir durch ein Buch werden und nicht einen Schlauberger sich selbst beweihraeuchern sehen.

Schade drum. Die Chance zum Wagner Geburstag etwas Interessantes und Breitenwirksames beizutragen wurde hier verschenkt.
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am 29. November 2012
Das neueste Buch von Martin Geck über Richard Wagner ist mehr als eine bloße Biographie, wie zum Beispiel diejenige vom selben Autor im Ro-Ro-Ro-Verlag, sondern eine Gesamtschau auf das Geistesleben im 19. Jahrhundert, soweit es Bezug zu Wagner hatte, und es ist eine Darstellung der - die Moderne prägende - Rezeption seines Werks bis hin in die Filmfabrik Hollywood. Dennoch bringt uns Geck den Menschen Wagner auch durch Erzählen über seine Eigenheiten näher.
Ich bin dankbar für das großartige Buch, dessen Lektüre mich gefesselt hat und das ich sehr empfehlen kann.
Renate Jung
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am 26. November 2012
Martin Geck ist als Mitherausgeber der Wagner-Gesamtausgabe ein profunder Kenner Richard Wagners. Seine genaue Kenntnis der Materie und seine vielen Veröffentlichungen zum Thema fließen in dieses Buch mit ein.
Sein geschliffen formuliertes Wagner-Buch ist eine Perle des Wagner-Jahres. Gewiss ist es – hier ist anderen Rezensenten Recht zu geben – keine leicht zu konsumierende Lebensbeschreibung, sondern eine wohl abgewogene Summe eines Forscherlebens. Einem derart in allen Nuancen abgewogenen Buch hier in den Rezensionen nur einen Stern zu geben, kann ich nicht nachvollziehen, zumal die Möglichkeit besteht, sich auf der Verlagsseite vor dem Kauf einen ausführlichen Auszug aus dem Buch zu lesen.
Wer an einer detaillierten Auseinandersetzung mit Wagners Werken und Leben interessiert ist und eine Darstellung nicht scheut, die ein Mit- und Nachdenken einfordert – der greife zu; er wird ein Buch vorfinden, das wieder zu den Werken führt, die ich mit neuer Lust höre.
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