Richard Neutra (1892 - 1970) war ein österreichischer Architekt, der vor allem in Südkalifornien tätig war und insbesondere innerhalb der USA als wichtiger Vertreter der "klassischen Moderne" in der Architektur gilt. Er studierte noch bei Persönlichkeiten, wie z.B. Adolf Loos und Otto Wagner und arbeitete vor seiner Übersiedlung noch für kurze Zeit bei Erich Mendelsohn in Berlin. In den USA hatte er auch Kontakt zu Schindler und Wright.
Seine Formensprache wurde enorm von seiner Begeisterung für die holländische De Stijl Bewegung und japanische Bauweisen (Leichtigkeit, Offenheit und Transluzenz) beeinflusst. Typisch für seine Architektur sind ineinander greifende Baukörper, freier Grundriss, Schiebetüren und - fenster, raumhohe Glaswände, die "Spider Leg" genannten, über die Außenwand hinausragenden Deckenbalken, die in einer Stütze enden, verschattende Lamellen-Konstruktionen und riesige Fensterflächen. Da seine Bauten in recht exklusive Landschaften gesetzt wurden, bildeten die großen Fensterflächen sozusagen einen Rahmen für ein romantisches Bild. Eine ausgeklügelte Gartenarchitektur verstärkte die harmonische Synthese. Von Loos übernahm er in seine Architektur den Einsatz kostbarer, aber unverzierter Materialien und klare Flächengestaltung. Er beschäftigte sich mit den Schriften Wilhelm Wendts und Gustav Fechners, dem Begründer der experimentellen Psychologie. Er sah Architektur auch als Medizin für Körper, Geist und Seele. Er gilt bis heute als ein Architekt der Sinne.
Bevor ein Bauwerk entstand analysierte er genau anhand von Fragebögen, Lebenslauf und Gesprächen die Wünsche der Bauherren und untersuchte akribisch analysierend Bauplätze und deren Umgebung. Schließlich sollte das Bauwerk mit der umgebenden Natur korrespondieren. "Innen" und "Außen" sollten eine Einheit bilden, da der Mensch ein naturverbundenes Lebewesen sei. In der Architektur von Neutra fließen die Räume förmlich ineinander, auch unter Berücksichtigung von Funktionsabläufen. Unterschiedliche Höhenniveaus von Fußböden und Decken, die Verwendung unterschiedlicher Materialien und Einrichtungsgegenstände, gut aufeinander abgestimmte Farben, die geheimnisvolle Anordnung von leichten Trennwänden und die damit verbundenen Einblicke in andere Bereiche des Hauses machen diese Architektur interessant.
Diese Architektur spielt mit der Wahrnehmung. Sie überfordert das Auge des Betrachters nicht und stimmt es dennoch stets neugierig. Das sind die Reize, nach denen unser Hirn ständig verlangt. Da sich die Augen aufgrund der Raumelemente ständig neu akkomodieren, spielt die Neutra Innenarchitektur mit unserer Tiefenwahrnehmung, so dass selbst kleine Räume unendlich groß wirken. Ebenso sorgten die Spiegelungen in den Bassins der Häuser oder die verspiegelten Flächen im Innenbereich der Häuser für ein erweitertes Raumgefühl. Trotz großer Transparenz dieser Bauten boten diese dennoch aufgrund bestimmter Wandanordnungen notwendige Rückzugsmöglichkeiten für den Bewohner, der sich auch in der Nacht vor Blicken Neugieriger schützen möchte. Im Gegensatz zu vielen aktuellen neuen Bauten der Moderne gibt es in den Räumen der Neutra Bauten keinen Widerhall, da genügend Reflektoren für ein diffuses Schallbild in Form von Wänden, Abhängungen und Einrichtungsgegenstände vorhanden sind.
Eines von Neutras bekanntesten Gebäuden wurde das für Edgar Kaufmann entworfene Kaufmann Desert House von 1946, das in einsamer Landschaft in der Nähe von Palm Springs (Kalifornien), entstand. Allerdings sind die berühmten Bauten in den USA nicht Gegenstand dieser Publikation, auch wenn Beziehungen zu ihnen hergestellt werden. Das Buch dient als Ausstellungskatalog einer Neutra Retrospektive im MARTA - Museum Herford im Jahr 2010.
Das Buch hat einen speziellen Fokus, der vielleicht nicht jedermanns Sache ist, denn es beschäftigt sich ausschließlich mit Bauprojekten, die Neutra in seinen letzten 10 Schaffensjahren zwischen 1960 und 1970 in Europa realisierte. Hier schuf er acht Villen, vier davon in der Schweiz, drei in Deutschland und eine in Frankreich sowie zwei Wohnsiedlungen (Quickborn und Walldorf). Prominente Auftraggeber waren u.a. der ZEIT - Verleger Gerd Bucerius ebenso wie Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Wissenschaft. Zu den bekanntesten Bauten zählen in dieser Ausstellung das Haus Rentsch mit Ausblick über das Jungfraumassiv und die Villa Bucerius bei Locarno. Zum ersten Mal werden auch sieben ungebaute Projekte (z.B. Gebäude für den Dirigenten Ferenc Fricsay, den Industriellen Konrad Henkel oder das Düsseldorfer Schauspielhaus) dokumentiert, die erst während den Recherchen zu dieser Ausstellung im Nachlass entdeckt wurden - so etwa ein Entwurf für ein Wohnhaus für die Familie Henkel in Düsseldorf. Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Archiv der University of California in Los Angeles und Dion Neutra, dem Sohn und Partner des Architekten, sowie mit einem eigens von Klaus Leuschel zusammengestellten Expertenteam.
Text und Bild stehen insgesamt in einem recht ausgewogenen Verhältnis. Es gibt viele historische S/W Aufnahmen neben aktuellen Farbfotografien. Der bekannte Fotograf Iwan Baan hatte über die letzten Monate den heutigen und inneren Erhaltungszustand der Bauwerke diszipliniert dokumentiert und den historischen Fotos gegenübergestellt. Sie entdecken Entwurfszeichnungen in Pastell, Baupläne, die Originalgrundrisspläne mit Bezeichnung der Räume (das fehlt z.B. meist in den Billigbüchern vom Taschen Verlag) und sogar handschriftliche oder skizzierte Überlegungen zu Belichtung, Konzeption und Wahrnehmung. Die Darstellung der wahrnehmungspsychologischen Überlegungen in den Bauten ist meines Erachtens leider nicht so perfekt gelungen. Selbst den Besuchern der Ausstellung Vorort sind diese Sachverhalte nicht bewusst geworden, weil man sie fast ganz verschwieg. Lediglich in dem Schwarz - Weiß - Film "Die Ideen des Prof. Richard Neutra" aus dem Jahr 1968 wurde kurz und knapp auf seine Philosophie innerhalb der Ausstellungskonzeption eingegangen. Dabei wanderte Neutra auch durch seine alte Heimatstadt Wien und zeigte auf, warum die alte Architektur weniger sinnlich zum Wohnen ist als seine neue Architektur. Der Mann weiß, wovon er spricht. Auch Prof. Seyler thematisiert dies kurz und bündig in seinem Buch "Wahrnehmen und Falschnehmen." Allerdings bezieht sich dieser dabei nicht auf Neutra. Die Kritik Seylers am repräsentativ - Bau erfolgt beispielhaft an der Nazi - Architektur.
In der zugehörigen Ausstellung gab es auch ein aus rohen Bauholz gezimmertes Display, das man im Stil einer Neutra - Villa geformt hatte. Aus dem Stand heraus konnte man auf die kurvigen Innenwände des von Frank Gehry entworfenen Museumsbaus blicken, so als würde man in eine Landschaft hinausschauen. Sie konnte man auf der Ausstellung tatsächlich dieses neugierig machende Sehen erleben.