Man liest und hört eins ums andere Mal, daß Marianne Faithfull vor »Broken English« nur eine »harmlose Schulmädchenstimme« usw. gehabt hätte. Für die Aufnahmen der 60er Jahre mag das weitgehnd zutreffen. »Rich Kid Blues« (1970) hingegen beweist das Gegenteil. Diese Stimme hat bereits etwas von einer alten, gebrochenen, aber faszinierenden Frau an sich. Alle Songs werden sehr introvertiert und mit größter Ruhe, manchmal fast wie in Trance gesungen, aber immer liegt im Gesang eine gehaltene Spannung, die an keiner Stelle aussetzt. Die Stimme kommt wie aus der Ferne, sie ist da und doch nicht da, und vielleicht ist diese Gleichzeitigkeit von Nähe und Ferne, was überhaupt eine wirklich große Stimme auszeichnet. Hervorzuheben sind nicht nur Perlen wie das maßlose traurige »Chords of Fame« (von Phil Ochs), »Sad Lisa« und manche Stücke mit französischem, d.h.chansonhaftem Einschlag. Höhepunkt ist vielmehr die Coverversion eines der vertracktesten (und folglich nur seltenst gecoverten) Lieder Bob Dylans "Visions Of Johanna«. Dieses Stück singt Marianne Fauithfull besonders überzeugend, weil sie einerseits in Aufbau und Struktur des Songs nahe bei Dylan bleibt, andererseits durch ihre Stimme eine völlig andere Atmosphäre in das Ganze hineinbringt. Wenn eine Platte von Marianne Faithfull vor »Broken English« hervorzuheben wäre, dann diese.