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Rhythmus: Ein Versuch
 
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Rhythmus: Ein Versuch [Gebundene Ausgabe]

Hanno Helbling

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Hanno Helbling
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Alles sei Rhythmus

Hanno Helblings «Versuch» über ein Grundprinzip

Hanno Helblings Buch «Rhythmus» ist kein wissenschaftlicher Text. Es hat also keinen Sinn, eine kleinteilige Auseinandersetzung etwa mit der aktuellen stilkundlichen oder rhetorischen Forschung zu erwarten, die auf dem Stand gegenwärtiger Kunstlexika wäre. Rhythmische Phänomene exakt zu bestimmen ist eine hochkomplexe Angelegenheit; das Phänomen Rhythmus als solches zu erfassen kommt einer Quadratur des Kreises gleich.

Hanno Helbling nennt seinen Text im Untertitel «Versuch». Und als ein Suchender beginnt er in mäandernden Bewegungen, sich einer Erscheinung zu nähern, die von einem Bereich (der Malerei etwa, der Musik, der Literatur, der Biologie oder der Anthropologie) immer sofort auf einen anderen übergreift, da sie zu den basalen Erscheinungen des Lebens auf diesem Planeten gehört.

Korrespondenzen

In seiner Etymologie geht das Wort Rhythmus auf das griechische «rhythmós», das «Fliessen», zurück. Vermutlich bezog es sich einmal auf die Bewegung von Meereswellen. Wenn das wahr ist, dann zeigte schon dieses erste namenbildende rhythmische Phänomen, was Hanno Helbling in seiner Studie fasziniert: Meereswellen sind als eine Laut-Bewegung zugleich sichtbar und hörbar. Mit geschlossenen Augen ist das erwartbar wiederkehrende Aufschlagen des Wassers am Strand Teil einer zeitlichen Dimension; vor den geöffneten Augen strukturiert die kommende und im Sand verschwindende Wellenlinie den Raum. Das Phänomen der Wellen aber kann vom schauenden Ich zugleich aufgenommen werden als eine objektive Korrespondenz seines eigenen Empfindens. Im Rhythmus des Meeres liegt ein mimetischer Sog, menschliche Körperrhythmen mit umfassenderen Naturrhythmen in Übereinstimmung zu bringen.

Es geht Helbling um ein Grundprinzip des Lebendigen, das sich in verschiedener Weise manifestiert und, wie er zunächst vorsichtig eingrenzt, «etwas mit Ordnung» zu tun haben könnte und dem «Bewegung konstitutiv» ist. Im anfänglichen Bild der Meereswellen wäre es die Ordnung der Gezeiten, die sich im bewegten Wasser niederschlägt. Die Wiederkehr und die damit verbundene Erwartbarkeit kennzeichnen den Rhythmus. Man kann sich an ihn erinnern und ihn in die Zukunft projizieren. Er irritiert, da er, im Unterschied zur Gleichförmigkeit von Metrum oder Takt, einen unregelmässigen Eigensinn bewahrt, und er beruhigt, da er in die Offenheit des Chaos die Dynamik einer bedingten Struktur bringt.

Sentenzen

Helbling schreibt über den Rhythmus in vierzehn kurzen Kapiteln, die sich wiederum, abgehoben mit Sternchen, in kleine Abschnitte gliedern. Seine Gedanken umspielen den eigenwilligen Aphorismus, sie neigen zu Sentenzen. «Durch strengste Mimesis wird die Zeit zu ihrem eigenen Thema, und sie thematisiert sich im Rhythmus.»

Solche Formulierungen bestechen nicht durch eine Präzision, die «lehrbar» wäre, wo es etwa darum geht, semantisch bedingte rhythmische Lösungen in den verschiedenen Metren (Hexameter, Blankvers, Alexandriner usw.) zu diskutieren. Vielmehr lassen sie sich oft selbst als rhythmische Figuren lesen, die im assoziativen Ideenfluss zu Inseln der Gestaltung geworden sind. Sie sind anregend wie das Hören von Musik oder ein Gang durch eine Gemäldegalerie: «Und die Schritte von einem Zustand zum andern (wie sie Monet in seinen Kathedralen und Heuhaufen zeigt) bilden auch selbst einen rhythmischen Gang von Anblick zu Anblick.»

Handwerklich anschaulich wird Helbling, wenn er acht prominente Autoren des 18. bis 20. Jahrhunderts (von Hölderlin bis Proust) anhand kurzer Prosapassagen unter primär rhythmischen Aspekten vergleicht. Hier zeigt er kontrastiv, wie sehr der je eigene Tonfall, der individuelle Stil, ja selbst die Grundstruktur der Handlung sich über den Rhythmus erschliessen lassen.

«Und wenn man nun selbst schreibt?» Mit dieser Frage kulminiert in dem «Versuch» das Schreiben über den Rhythmus in ein Schreiben über das Schreiben. Im fortlaufenden Text probiert Helbling selbst rhythmische Varianten aus, eine «Creative writing»-Spielerei, die das Schreiben schliesslich in Frage stellt:

Und wenn man nun selbst schreibt? Oder: Wenn man nun selber schreibt? Oder: Und schreibt man nun selbst (oder selber)? Das «nun» kann wegfallen, dann heisst es: Und wenn man selbst (oder selber) schreibt? Kann es auch heissen: Und schreibt man selbst? Weniger gut, weil (nun) die Frage, die man in den Bedingungssatz kleidet, auf einmal ohne das Kleid daherkommt; in der rhythmisch straffsten Form spitzt sie sich zu: Schreibt man selbst (oder nicht)?

So führt ein Hören auf den Rhythmus, der ja immer subjektiv, aber nie beliebig ist, unvermittelt ins Zentrum dessen, was ein Autor tut. Oder wie Hölderlin es formulierte: «Alles sei Rhythmus, das ganze Schicksal des Menschen sei ein himmlischer Rhythmus, wie auch jedem Kunstwerk ein einziger Rhythmus sei.»

Angelika Overath

Kurzbeschreibung

In Hanno Helblings bestechendem Versuch über den Rhythmus geht es um alle Erscheinungs- und Wahrnehmungsformen desselben, geht es ums Sehen wie ums Hören. Und es geht darum, zu zeigen, wie etwas - eine Landschaft, ein Bild oder auch ein Satz - rhythmisch empfunden werden kann. Helbling veranschaulicht dies an bildender Kunst, Musik und Tanz; sein besonderes Augenmerk gilt jedoch der Literatur, an der er vorführt, dass es gerade der Rhythmus ist, der den Stil eines Autors prägt. Mit Beispielen von Hölderlin, Kleist, Hofmannsthal, Proust und Th. Mann beschreibt der Autor die geheimnisvolle Eigenart des individuellen Rhythmus und schlägt den Bogen zur Natur und ihren Rhythmen, zum unaufhörlichen Pulsieren von Welt, Geschichte und menschlichem Leben.

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