Die Grundidee, Rhythmus ohne Instrumente zu trainieren und dafür die Ohren, die Stimme und den Körper zu aktivieren, ist sehr gut. Mit der Stimme ist jeder übers Sprechen vertraut, und der Fokus auf Stimme, Körper und Gehör wird der sonst im Instrumentalunterricht übliche Fokus auf die reine Instrumentaltechnik direkt auf die Essenz der Rhythmen gelenkt: indem die metrische Basis über Schritte hergestellt und so mit dem ganzen Körper erfahrbar wird, werden rhythmische Patterns direkt in Relation zur explizit körperlich gefühlten metrischen Basis geübt und beide Patterns als interferierend, aber gegenseitig stabilisierend erfahren.
Dieses Phänomen ist die Essenz jedes "Grooves" und Herzstück traditioneller rhythmischer Trommelmusik wie moderner Jazz-, Rock- und Poprhythmik (die ihre rhythmischen Wurzeln ja in Afrika hat) und die direkte Verbindung zum Tanz. Es ist auch genau dieses ganzkörperliche Darstellen der metrischen Basis und die Erfahrung des gehörten und selbst gesungenen/gespielten in Relation zu diesem direkt körperlich gefühlten, metrisch gegliederten Puls, das in der konventionellen Instrumentalausbildung (zumal in der klassischen) oft zu kurz kommt.
Filz folgt in seiner Systematik der Einführung rhythmischer Patterns dem Aufbau einer typischen Snare-Drum-Schule, was ok ist, um ein auch systematisch fundiertes Rhythmusverständnis und rhythmische Basiskompetenzen zu trainieren.
Noch besser wäre es, sich fürs Erlernen komplizierterer Rhythmen zunächst nicht allein auf die konventionelle Zählweise zu verlassen, sondern verstärkt Texte einzusetzen - sowohl in der Form von Rhythmuswörtern, die teilweise Perkussionsinstrumente imitieren, als auch in Form spezieller Gruppen von Rhythmuswörtern (wie Flatischlers "TaKeTiNa"-Ansatz) und sinnvoller (sinnhaltiger) Textfragmente (Sprechgesang/Rap, dann auch mit Melodien).
Eine wichtige Leerstelle sehe ich darin, daß Filz sich ganz auf binäre Taktarten konzentriert (alle Übungen stehen im 4/4-Takt). Das ist zwar in Bezug auf die Rock/Pop-Praxis realistisch, da diese sich zu über 90% in 4-er Metren abspielt. Für die Entwicklung eines wirklich fundierten Rhythmusverständnisses wäre aber die Erfahrung von Dreiergruppierungen nicht nur auf der Unterteilungsebene ("Achteltriolen", "Sechzehnteltriolen"), sondern auch auf der metrischen Ebene wichtig, da hier wichtige Relationen erfahrbar werden (z.B. 2 gegen 3 - punktierte Viertel im Dreivierteltakt etc.). Für die Playalongs mit 3-er-Metrik würde sich der Griff in die Kiste der Jazz Waltzes (von "Someday My Prince Will Come" über "Afro Blue" bis hin zu "Bluesette") empfehlen.
Über die 3-er-Metrik wäre ggf. auch in einem dritten Band der Einstieg in die historischen Wurzeln der modernen afrobrasilianischen und afrokubanischen Rhythmik - afrikanische 12er-Zyklen, in denen 3er und 4er Metrik gleichzeitig bzw. wahlweise empfindbar werden, und den Wechsel zu 16er-Zyklen (wie beim Wechsel vom 6/8-Clave zum Rumba Clave bei gleichbleibender 4-er Metrik) - möglich.
Alles in allem aber ein guter Ansatz, für den man sich v.a. wünschen würde, daß er zu einem Ansatz für instrumentenunabhängiges rhythmisches Training für ganze Gruppen ausgebaut wird, um die Vorteile des Lernens in Gruppen (Gruppe hält Puls aufrecht, auch wenn einzelne Mitglieder zwischendurch "aus dem Rhythmus fallen") nutzbar zu machen. Hier könnten ggf. auch Elemente aus dem Tanz eingebracht werden - und auch Tänzer würden enorm von einem systematischen Verständnis musikalischer Rhythmik (inclusive der Notationsformen) profitieren. Essentiell wäre hier die Call-and-Response-Methode und das NACHTRÄGLICHE Notieren der per Call und Response auditiv und visuell erlernten Patterns.
Mit seinem Buch "Rap, Rhythm and Rhyme" hat Richard Filz das ja auch schon teilweise getan. Hervorragend und voller wertvoller Anregungen direkt aus der Praxis in dieser Richtung, wenn auch speziell auf Pop/Jazzchor-Arbeit zugeschnitten, ist auch das Buch von Martin Carbow: "Chorleitung Pop, Jazz und Gospel: der Weg zum richtigen Groove."