Zuerst zu allem Positivem: Spannend und lebendig erzählt Grundy ein Gemisch aus altgermanischen Sagen als Roman nach. So werden Elemente der Edda und anderer frühmittelalterlicher Sagenkreisen mit dem späteren Nibelungenlied verwoben. Die Charakterzeichnung der Helden überzeugt mal mehr, mal weniger - gerade die Hauptfigur Siegfried hatte dann doch irgendwie zu wenig Ecken und Kanten und schien direkt aus der Schublade gesprungen zu sein. Dagegen überzeugen u.a. der (ohnehin auch im Nibelungenstoff interessantere) Hagen mit einer wirklich schaurigen Umdeutung seiner Herkunft (Tip: Wagners "Ring"), die mehreren Entwicklungen unterworfene Gudrun (im Nibelungenlied Kriemhild, hier hat Grundy, vermesse ich mich zu sagen, leider den weniger gebräuchlichen Namen der Figur gewählt) und Attila, der Hunne, bekannt auch als König Etzel, eine zwielichte, literarisch runde Gestalt.
Die Handlung folgt im Großen und Ganzen den vorgegebenen Mustern, wobei sich Grundy redlich bemüht, auch sich eigentlich widersprechende Sagen zu einem Ganzen zusammenzufügen. Für das Ende der Geschichte wählte Grundy nicht die allgemein bekanntere Variante des Nibelungenliedes, sondern eine ältere Version des Atli-Liedes.
Jetzt zu dem großen Manko der deutschen Ausgabe: die Übersetzung ist eine Zumutung. Das vertraute Duo, welches schon an Marion Zimmer Bradleys "The Fire Brand" = "Die Feuer von Troja" herumschnippeln musste, hat sich hier einige inhaltliche Eingriffe erlaubt, welche die erwachsenen Leser entmündigen. (Siehe dazu auch die Anmerkung der Übersetzer im Buch.) Beispiele: Die Burgunder in der umzingelten Halle dürfen auf Hagens Rat hin nicht mehr zur Stärkung das Blut ihrer Opfer trinken (obgleich genau diese Szene auch im Nibelungenlied vorkommt), stattdessen "zaubert" er von irgendwo Wein her. Die von Grundy beschriebene Szene vom harfespielenden Gundahari (= Gunther) in der Schlangengrube wurde ganz getilgt. Schlachtszenen wurden auf Sätze wie "Im Nu hatte Siegfried alle besiegt" verkürzt (ernsthaft!). Dazu gibt es den Kommentar von Ohl und Sartorius: wer sich durch diese verstümmelten Szenen nicht genug "martialisch begeistert" fühle, der solle sich doch einen Bildband mit Kriegsverletzungen ansehen. Bitte? Jeder, der einen vollständigen, unverfälschten Roman lesen will, ist also gleich eine Art blutgieriger Sadist? Nein, erwachsene Leser wollen eine realistische Darstellung. Im Krieg besiegt auch kein Siegfried einfach so "im Nu", ohne jedes Blutvergießen, ohne Wunden und Tod. Das wusste schon der Nibelungendichter.
Ansonsten hat Wolfgang Hohlbein in seinem Buch "Hagen von Tronje" vorgemacht, wie man Kriegsgreuel schildern kann, ohne sie zu verherrlichen. Das hat Grundy im Original auch getan. Nur können deutschsprachige Leser das nicht lesen.