In meiner frühen Jungend mitte der Siebziger, waren zwar die Beatles schon Geschichte, aber viele Beatles-Songs waren absolutes Pflichtprogramm in jeder Blues-Runde einer Jugendparty beliebiger Freizeitheime. Wir haben uns in der Bibliothek natürlich das blaue und das rote Album mit Ohrhörern im Duschbrausendesign angehört, weshalb diese Alben auch meine ersten Beatles Alben gewesen sind. Als die ersten Beatles CDs veröffentlicht worden sind, stürzte ich mich sofort auf die bekannten Alben wie 'Abbey Road", 'St. Pepper" oder das 'White Album", denn ernsthafte Musik von den Beatles vor dem als Musikmeilenstein geltenden 'Pepper" Album schien mir nicht möglich, da die Beatles vor 1967 doch nur fröhliche Gassenhauer komponiert haben, die man aus den Filmen 'Help" und 'Yeah, Yeah, Yeah" doch bereits so gut kannte. Irgendwie habe ich mir dann doch die Mühe gemacht und Revolver wirklich vollständig angehört. Natürlich kennt man 'Taxman", hat 'Got to get to into my life" bereits auf seiner 'Best of Earth wind and fire" Platte und auch 'Good day sunshine" hat man schon einmal in der Langnese Honig Werbung gehört.
Ich musste beim Anhören immer ungläubiger auf das Erscheinungsjahr 1966 schauen. Da wechseln mit jedem Lied die Stilrichtungen. Jeder Song ist nur so vollgepackt mit Ideen. Der Abwechslungsreichtum übertrifft alle Erwartungen um Längen. Die Platte war tontechnisch, musikalisch, instrumental einfach perfekt. Wenn ich nur daran denke, was andere Bands zu der Zeit so alles veröffentlicht haben, waren die Beatles allen anderen um Lichtjahre voraus. Dachte ich vorher, durch diverse Oldi-Sendungen beeinflusst, es ginge 1966 einfach aus klangtechnischer und instrumentaltechnischer Sicht nicht besser (dumpfer Sound, simple Gitarrenriffs usw.), so wurde ich eines Besseren belehrt. Die Komplexität und der Variantenreichtum der Songs haben die meisten Bands nie erreicht und auch die technische Ausführung der Songs fast alle Bands erst in den Siebzigern. Tja und selbst auf so einen Klamauksong wie ' Yellow Submarine" als absolutes Mitgrölerlebnis in jedem Pub muss man erst einmal kommen. Ich gebe zu, dass sich diese Genialität bereits auf 'Ruber Soul" abgezeichnet hat, aber der wirkliche Wendepunkt in eine neue Ära der Popmusik war für mich nicht erst das Pepper-Album, sondern bereits das Album Revolver. 1966 war auch das Jahr, in dem die Beatles ihren letzten Live-Auftritt hatten. Wer sich Revolver anhört versteht auch, dass diese Musik zu dieser Zeit einfach Live noch nicht umgesetzt werden konnte. Wenn ich zudem noch an die Fernsehsendung über die Beatles bei ihrer abschließenden US-Tour denke und dabei das grölen und kreischen der Fans in den Ohren habe, wird es für mich noch deutlicher, das die Band sich diese anspruchsvolle Musik durch derartige Live-Auftritte einfach nicht kaputtmachen wollte.
Meine persönlichen Anspieltipps sind:
'Got to get to into my live"
Eigentlich der beste Soul-Song aus diesem Jahr, trotz Steve Wonder, Isley Brothers, Four Tops oder wie sie sonst noch alle heißen. Nicht umsonst wurde dieser Song von den Soul-Heroen der Siebziger ' Earth wind an fire" gecovert und sehr erfolgreich veröffentlicht. So blöd das klingt, aber dieser Beatles Song wurde für die Soul/Funk-Band einer ihrer wichtigsten Hits. Was für mich aber wirklich überraschend war, ist die Tatsache, dass die Beatles Ausgabe moderner und frischer klingt. Sogar der Bläsereinsatz ist fetziger, obwohl gerade die Brasstruppe das Sahnestückchen von Earth Wind and Fire war.
'God day sunshine"
Ein richtiger Ohrwurm mit einem tollen Refrain. Das Lied klingt ebenfalls sehr modern. Nicht umsonst wurde es von der Langnese Honig Werbung im Original verwendet und nicht in einer modernisierten Coverversion.
'Love to you"
Wirklich aufregendes Sitar-Gezupfe von Mr. Harrison. Die indischen Einflüsse sind unüberhörbar.
'She said she said"
Lennon in Hochform. Der Song klingt eigentlich fast so wie der 2 Jahre später moderne 'Psychedelic Sound".
'Yellow Submarine"
Ringo Star kann nicht singen! Aber dieses 'Nichtkönnen" macht er auf diesem Song auf eine sehr sympathische Weise. Dafür ist die Melodie so einfach gestrickt, dass bei diesem Lied auch wirklich jeder mitsingen kann. Außerdem wird der Song noch durch tolle Bläser aufgewertet.
' Here, there and everywhere"
Eine wirklich sehr schöne Ballade.
"Eleanor Rigby"
Vielleicht der perfekteste Song auf der CD. Geniale Streicher. Der Song gefällt übrigens meiner 14 jährigen Tochter auch am besten. Man sieht dadurch sehr deutlich, wie sich auch die nachwachsende Jugend neu für die Beatles begeistern kann, wobei das bestimmt nicht an den beiden Rentnern Paul und Ringo liegt, deren "Boy Group Appealing" doch schon über 40 Jahre her ist.
Besonders die letzten beiden Songs scheint auch Sir Paul innig zu lieben, da er diese häufig bei seinen eigenen Live-Konzerten spielt. Insgesamt bin ich sowieso der Ansicht, dass die wichtigsten Songs auf diesem Album aus seiner Feder stammen.
Ich möchte aber trotzdem noch auf den letzten Song eingehen, den ich in meiner bisherigen Rezension unterschlagen habe. Tomorrow Never Knows, auf dem Album der letzte aber im Studio eigentlich der erste aufgenommene Song, hat nicht nur die absolute Besonderheit von rückwärts laufenden Tonbandschleifen, das tibetanische Totenbuch als Textvorlage und vermutlich einen John Lennon auf einen LSD Trip, der passend zu seinem Zustand auch noch beim Gesang die Stimme durch Effekte verfremden lässt, sondern wurde auch fleissig gecovert. Da sind bekannte Namen dabei wie Phil Collins, Living Colour, Billy Idol, Our Lady Peace oder die Pop Punker Motion City Soundtrack jeweils auf Studioalben, oder viele andere Interpreten auf deren Livealben. Aber egal welche Version ich mir anhöre, die Version von den Beatles ist für mich immer noch die spannendste ohne auch nur einen Hauch von verstaubt zu sein. Dieser monotone Beat lässt einen einfach nicht mehr los. Da stecken für die damalige Zeit wahnsinnig viel Technikspielereien drin, die definitiv damals auf der Bühne praktisch nicht umzusetzen gewesen sind. Es ist ein würdiger Abschluss, der meine Behauptung, die Beatles waren ihrer Zeit ein Stück voraus einfach noch mal akustisch bestätigt.
Zusammengefasst viel Rock, viel Pop, etwas Soul, einige Balladen. Vielfältiger kann eine CD eigentlich nicht mehr sein. Vor allem ist es zeitlose Musik für alle Generationen.