Auch heute noch bilden die Unabhängigkeitskriege und Revolutionen Lateinamerikas starke nationale Bezugspunkte, so dass sich manche Staatschefs auch am Beginn des 21. Jahrhunderts noch gerne im Glanz der oft tragischen Revolutionshelden wie Simon Bolivar sonnen. Die jüngere Revolutionsforschung mag die Definition der lateinamerikanischen Unabhängigkeitsbewegungen als Revolution in Frage gestellt haben, da lokale Eliten wie in Brasilien nahezu unbeschadet bis heute überdauert haben, doch in vielen lateinamerikanischen Ländern gilt die Unabhängigkeit auch heute noch als Geburtsstunde der Nation. Was nicht verwunderlich ist, da die zahlreichen Volksgruppen unter dem kolonialen Regime in sehr strikte Gesellschaftsstrukturen gezwungen waren. Der Professor für Geschichte am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin, Dr. Stefan Rinke, hat mit Revolutionen in Lateinamerika eine Historie des lateinamerikanischen Unabhängigkeitskampfes vorgelegt die interessierten Lesern einen wertvollen Einblick in diese Thematik bieten kann.
Zunächst legt Rinke allerdings die Grundlagen für die lateinamerikanischen Revolutionen und damit die soziodemographischen und politischen Hintergründe dar. Wobei er auch erste gescheiterte Aufstände, wie Francisco de Mirandas erfolglose Expedition mit einem Freiwilligenkorps behandelt. Miranda der anfänglich eine militärische Karriere im Dienst der spanischen Krone anpeilte sollte selbst zu einem Beispiel für die unterschiedlichen Einflüsse werden die das lateinamerikanische Unabhängigkeitsstreben begünstigen sollten. Miranda der Kontakte zu den Gründervätern in den USA knüpfte, zwischenzeitlich sogar zu einem General der französischen Revolutionstruppen avancierte, aber während des terreur in Haft geriet sollte zwar bei seiner Rückkehr nach Amerika versuchen einen Aufstand gegen das spanische Kolonialregime zu entfachen, doch als Don Quijote verspottet scheitern. Wie Miranda kamen zu dieser Zeit auch viele anderen Kreolen die Ideale von Freiheit und Gleichheit der Revolution aufnehmen oder in der Ferne im Dienste der Krone eine neue Verbundenheit zu ihrer Heimat entwickeln.
Den eigentlichen Auftakt zur Unabhängigkeit Lateinamerikas soll allerdings schließlich die Sklavenrevolution von Saint-Domingue (1789-1804), dem späteren Haiti, bilden. Dazu porträtiert Rinke zunächst einmal den "Revolutionsführer" Francoise Dominique Toussaint, der vom Sklaven es bis zum Gouverneur des östlichen französischen Teils der Insel bringen und die Sklaverei abschaffen sollte. Vor der Revolution war Haiti eine zutiefst gespaltene Gesellschaft. Neben einer Unterteilung in Sklaven, Freigelassene, Mulatten und Weiße war selbst die weiße Oberschicht in die weiße Mittelschicht der petit blancs und die Oberschicht der grands blancs gespalten. Die Krise des Mutterlands sollte schließlich den Ausbruch der Revolution ermöglichen. Nach ihrer Kriegserklärung an Frankreich sollten Spanier und Briten bei einer offenen Intervention auf Saint-Domingue allerdings bereits gegeneinander aufgebrachte Warlords antreffen. Der einflussreichste dieser Warlords war kein geringerer als Toussaint, dessen Bemühungen um die Befreiung der Sklaven zunächst zwar von Erfolg geprägt waren, aber durch seine kontroverse Praxis die eigenen Generäle mit Gütern und dazugehörigen Zwangsarbeitern zu belohnen wurde er zugleich auch kompromittiert. Als der neu eingesetzte Erste Konsul Napoleon Bonaparte eine neue Kolonialpolitik formierte und Truppen unter General Leclerc in die aufrührerische Kolonie entsandte sollte es zur Entscheidungsschlacht kommen. Die Gefahr der Wiedereinführung der Sklaverei vor Augen konnten die Haitianer den französischen Angriff derart blutig zurückschlagen, dass von 40.000 nur wenige tausend Soldaten nach Frankreich zurückkehren sollten. Allerdings erst nachdem die zurückgedrängte Kolonialmacht eine gezielte Auslöschung ehemaliger afroamerikanischer Soldaten in Angriff genommen hatte, die klare genozidale Züge trug. Durch die Interventionen der Kolonialmächte, die bürgerkriegsähnlichen Zustände und dem abschließenden Mord an den verbliebenen grands blancs sollte Haiti jedoch zu einem bedrohlichen Negativbeispiel für den Verlauf einer Revolution in Lateinamerika werden, auch wenn das ehemalige Saint-Domingue genau genommen als Insel nur Teil der Karibik ist.
Schon das Beispiel Haiti zeigt aber einen immanenten Aspekt der Revolutionen in Lateinamerika, sie wurden durch ein in Europa entstandenes Machtvakuum ermöglicht. Im Fall Haitis das der französischen Revolution. Für Lateinamerika entscheidend sollte sich schließlich Napoleons Aufstieg erweisen, als dieser die Abdankung der Bourbonen zu Gunsten seines Bruders Joseph erzwang und gar die portugiesische Königsfamilie vertrieb. War die spanische Kolonialmacht vor allem durch einen Guerillakrieg auf der iberischen Halbinsel abgelenkt, konnten die kreolischen Eliten lauten Zweifel an der Legimität manch Besetzungen hoher Ämter in Amerika äußern. Ihr Drängen auf mehr Souveränität sollte zur Errichtungen diverser Juntas führen, in denen sich die ersten Protagonisten der künftigen Republiken zu formieren begannen. Einen Sonderfall stellt freilich Brasilien (1808-1831) dar, das nach der Besetzung Portugals zum neuen Sitz des Königs wurde. Dem portugiesischen Prinzen Dom Pedro sollte dieses Exil jedoch eine ungewohnte Karriere als Kaiser Brasiliens eröffnen. Der liberal eingestellte Pedro nahm dort ein Reformprogramm in Angriff das schließlich in der Unabhängigkeit des Landes resultieren und ihn selbst quasi arbeitslos machen sollte.
- Resümee -
Gerade weil es Stefan Rinke gelungen ist die lateinamerikanischen Revolutionen in einen europäischen Kontext (das durch die Französische Revolution und Napoleons Aufstieg hervorgerufene Machtvakuum) einzubetten erweist sich die Lektüre auch für Einsteiger als zugänglich. Rinke thematisiert die Revolutionen nicht bloß isoliert. Ergänzt wird das durch Rinkes Stil der sich dabei nicht selbst im Wege steht und einer klaren Sprache bedient. Dazu kommt dass der Historiker auch den Revolutionshelden ein gewisses Augenmerk widmet. Ärgerlich erscheint nur dass dem Werk etwas wie eine Art Tabelle mit einem Verzeichnis des Beginns der einzelnen Revolutionen, des betroffenen Territoriums, dem Datum des Erlangens der Unabhängigkeit und prägender Persönlichkeiten fehlt. Eine Übersicht der kolonialen Territorialbezeichnungen und der modernen Namen (Neu-Granada entspricht ungefähr dem heutigen Kolumbien) wäre außerdem sehr hilfreich gewesen. Das stört zumindest den einfachen Leser und Laien, während es für Amerikanisten ein weit geringeres Problem darstellen dürfte.