Wussten Sie schon, dass der Geschmack eines Steaks etwas ist, was sowohl vom Steak als auch von dem Verzehrer mit seinen Kau- und Geschmackswerkzeugen abhängt? Wenn es keine menschlichen Zungen gäbe, dann gäbe es auch keinen Geschmack von Steaks. Wenn es überhaupt keine menschliche Wahrnehmung gäbe, keine Augen, keine Nase, dann ist eigentlich auch gar kein Steak mehr da - und übrigens auch kein Teller und kein Besteck, und der Rest der Welt fehlte auch. Die Welt wäre öd und leer. Immerhin hätte sie auch keine überflüssigen Bücher. Soweit so gut. Nicht gut ist, dass KAST fast 40 (!) Seiten zu Beginn seines schmalen Büchleins braucht, um diesen simplen Gedanken auszudrücken. Er tut dies durch endlose, ermüdende Wiederholungen. Und es ist thematisch auch ziemlich daneben, weil dies gar nichts mit moderner Gehirnforschung zu tun hat, denn die Sache mit dem Steak hatten auch schon längst verblichene Denker bemerkt.
Wenn sich also KAST im Anfangskapitel eher mit einer Erkenntnis der Vergangenheit beschäftigt, darf man erwarten, dass sich irgendwann der Blick nach vorne wendet, zur Zukunft des Gehirns", wie es der Buchtitel verheißt. Was wir statt dessen serviert bekommen, ist das Kunststück, einige Untersuchungen und Studien, die vielleicht 3-4 Seiten eines Lehrbuches über Gehirnforschung füllen würden, zu 130 Seiten Prosatext aufzublasen und zu einem geschwätzigen Weltbild zusammenzubasteln. Dieses besteht allerdings aus lauter Fragezeichen und Luftlöchern. KAST berichtet, dass verschiedene Hirnregionen verschiedene Funktionen erfüllen und deshalb Störungen und Verletzungen des Hirns ganz verschiedene Reaktionen und Auswirkungen haben können. Dies ist noch der beste Teil des Buches, hat aber nichts besonderes an sich und wird anhand von Fallbeispielen im Tenor von Sensationsdarstellungen vermittelt (z.B. wird ein Fall so eingeleitet: Der Unfall geschieht unter der Dusche...."). Er gelangt dadurch nicht zu einer Synthese, geschweige denn kann er deutlich machen, welches neue Selbstverständnis des Bewusstseins dadurch begründet werden soll. Das sieht er allerdings ganz anders. Er fühlt sich andauernd bemüßigt, seine hirnspezifischen Ausführungen mit geistigen Höhenflügen zu überqueren und Verbindungen zu anderen Wissensgebieten herzustellen, zur Psychologie, Philosophie, Geschichte usw. Au weia! Seine Versuche dabei erinnern an grottenschlechte Schüleraufsätze der Mittelstufe und sind allesamt peinlich. Er leitet zum Beispiel aus der Hirnforschung" Erkenntnisse zur Kindererziehung ab, die an Naivität und Lächerlichkeit schwer zu unterbieten sind: aus Sicht der Hirnforschung ist es wenig sinnvoll, einen übertriebenen Ehrgeiz an den Tag zu legen. Es kommt nicht darauf an, was die Eltern wollen, sondern was das Kind will." (S. 73). In ähnlicher Qualität und Kürze wird die Weltgeschichte synthetisiert. Er übernimmt dafür von Sigmund Freud folgende Sentenz (S. 84): Alle revolutionären Entdeckungen haben, so verschieden sie sind, im Kern eines gemeinsam, die Demütigung des Menschen." Solche Schlüsse liegen nahe, wenn man nur bis drei zählen kann: 1 Kopernikus, 2 Darwin und 3 Freud. War sonst noch was los? Egal, die Wirklichkeit ist ein Hirngespinst, das haben wir im ersten Kapitel gelernt. Aus unerfindlichen Gründen verschwendet KAST - und mit ihm der Leser - auch noch Zeit mit dem Versuch, die Ideen von Kopernikus und Darwin zu erklären.
Der schiefe Begriff der Demütigung" des Menschen durch Erkenntnisse begleitet den Leser dann durch den Text wie ein zugelaufener Hund den Spaziergänger. Und FREUD werden wir schon gar nicht mehr los. Denn KAST behauptet einfach, dass die Hirnforschung seine Theorie bestätigt. Diese Theorie besteht für KAST allerdings lediglich in der Existenz von Ich", Es" und Über -Ich". Dadurch wird alles auch viel übersichtlicher: Ein paar Elektroden in die richtigen Ecken des Hirns stecken, ein paar Ausschläge messen und schon ist der ganze (!) FREUD erwiesen! Auch dies überzeugt gar nicht.
Es kommt noch dicker. Aus zweifellos interessanten Studien über die Aktivität von verschiedenen Hirnregionen werden Schlüsse gezogen, mit der KAST die Funda-mente des westlichen Weltalls einstürzen sieht, wenn nicht noch mehr. Unter ande-rem versteigt sich KAST zu folgendem Satz: Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun." Irgendwie ist jeder Mensch ein Sklave, ja ein willfähriger Vollstrecker der Willkürherrschaft seines Hirns, dem er völlig hilflos ausgeliefert ist. Das Hirn führt nämlich ein Eigenleben und lässt uns irgendwelche Sachen tun, und der freie Wille", den gibt es gar nicht, er wird unbewusst nach der jeweiligen Tat konstruiert. Eine bewusste Handlung - erst der Wille, dann die Tat - gibt es also nicht. Doch auch aus diesem spannenden Material macht KAST ein Stück Kasperletheater. Denn KAST erklärt dieses Mysterium mit der Existenz von Zombies"! (Das ist kein Witz!, z.B. S. 91) Die wohnen in Hirnen und machen dort was sie wollen. Nach KAST beherbergt jeder Mensch so eine Art unheimlichen Filmvorführer und Regisseur im persönlichen Kino, der dort seine Show abzieht. Ich kann's nicht fassen! Und das sollen die neuesten Erkenntnisse der Hirnforschung" sein? Dass jeder Mensch einen Zombie im Gehirn hat?
KAST bleibt uns dabei jedoch die Antworten auf zwei drängende Fragen schuldig: ob 1) der Zombie selbst ein Gehirn hat und welcher Frechdachs darin herumspringt (vielleicht ein Simpson?), und 2) ob es sich bei manchen Leuten eher um einen Teletubbi im Hirn handeln könnte.
Ob das Büchlein nun noch toller wird, das soll mir ein ewiges Geheimnis bleiben. Mein Exemplar flog vorzeitig in den Sondermüll.
Wer so weit gekommen ist, kann aber vorher vielleicht doch wieder einmal herzlich lachen, denn zwischen den Zeilen blitzt ab und zu ein neuer Otto Waalkes hervor. Noch nicht mit seinem Witz , aber intellektuell bereits auf Augenhöhe: Wir gewinnen keine brauchbaren Erkenntnisse aus dem Buch, okay (es gehört allerdings zu einer Serie, die sich in aller Bescheidenheit Gebrauchsanweisungen für das 21. Jahrhundert" nennt!), aber wir bekommen einen sehr direkten Einblick in die Denkstrukturen von KAST. Lauschen wir einem faszinierenden Wechselspiel zwischen Wahrnehmung, Erkennen und Handeln: Sein Hirn bekommt in dieser Szene (Seite 24) gerade Impulse, offenbar von seinen Augen, und er fragt sich, was er da wohl sieht: "Ist es vielleicht ein Mond? Dieses Aktivitätsmuster, ist es ein Steak? Ist es eine Frau? Soll ich es essen oder mich damit paaren?" (Diese Sätze sind im übrigen auch typisch für seinen konsequent erbarmungswürdigen Schreibstil.) Wir dagegen fragen voller Mitgefühl: Hat er das selbst gedacht oder hat sein fieser Zombie ihn das schreiben lassen?
Es wäre besser für alle gewesen, wenn KAST weiter still an der Frage gearbeitet hätte, ob er da Mond, Steak oder Frau" gesehen hat. Das ist im Dunkeln leicht zu verwechseln. Meinetwegen kann er auch versuchen, den Mond aufzuessen und sich mit einem Steak zu paaren, er kann bestimmt vieles, nur schreiben, das kann er nicht.
Was hat nur Gero von Randow bewogen, seinen Namen dafür herzugeben.