Ich bin Evola dankbar dafür, dass er eine stimmige Beschreibung dessen gegeben hat, was eigentlich ein traditionales Gemeinwesen ist, was seine innere Ordnung begründet und welches Menschenbild ihm zugrunde liegt. Dass nämlich ein solches Reich ein spirituelles Zentrum, eine "Achse", hat, begründet durch die Wesenseinheit des Menschen mit dem "Göttlichen", die mehr oder minder bewußt sein kann, sodaß sich eine Struktur von zentral-periphär ergibt, je nach der Nähe des Einzelnen zur "Wahrheit", die keine wissenschaftlich-diskursive ist, sondern eine des Erlebens und Seins. Dass zweitens die hierarchische Ordnung des "Reiches" der Ordnung der transzendenten Sphären entspricht, jene in der "Einheit des Seins" erfahrbare Paradoxie von der Allvollkommenheit aller Dinge, die sich in ihrem Wert jedoch trotzdem dadurch unterscheiden, ob sie zur Bewußtheit des "Göttlichen" hinführen oder nicht. Dass drittens die Hauptaufgabe eines (heiligen, d.h. traditionalen) Reiches nicht in den weltlichen Lebenszielen ihrer "Bürger" begründet ist, sondern in der Generierung von "Seelenheil", und hierfür die kosmische Ordnung entlang der zwei Hauptachsen zentral-periphär, hoch-niedrig (also "bei Gott"-"gottlos" und "heilsam"-"unheilsam") im Staatsaufbau wiedergespiegelt wird.
Soweit kann ich Evola folgen, und schon diese sicherlich richtige Beschreibung, die übrigens einen Großteil der Kunst- und Kulturerzeugnisse traditionaler Zivilisationen erklären kann, genügt, um alle Errungenschaften der Moderne - Säkularismus, Rationalismus, Humanismus... u.s.w - von ihren Wurzeln her der Kritik zu unterziehen.
An dieser Stelle allerdings hört Evola auf, Historiker und Kulturtheoretiker zu sein, und vermischt gründliches Quellenstudium mit Kulturpessimismus, Wunschdenken und Größenphantasien - was ihn wiederum seinerzeit als "Vordenker" des Faschismus qualifiziert hat. Dass einstmals das Königtum die zentrale und höchste Stelle in den traditionalen Reichsordnungen war, und die Krieger-(=Herrscher-)Kaste über jener der Priester stand, mag vielleicht richtig sein, wird aber nicht hinreichend belegt. Dass es zwei verschiedene Formen der Spiritualität gibt, nämlich eine hohe, die sich auf die "Einheit des Seins" bezieht und in ihren Riten auf den "Himmel", das "männliche" Prinzip von Freiheit, Selbstvergöttlichung, Mut und Heroismus abzielt, und eine niedrige, erdgebundene ("chtonische"), die mit Selbstknechtung, Schuld-Sühne-Prinzip und Beschwichtigung der (Mutter-)Gottheit, eher der eigenen dämonischen Natur dient, mag auch eine interessante Typologisierung sein. Es bleibt aber unergründet, ob es diese zwei Typen jemals in Reinform gegeben hat. Dass die Himmelsverehrung allerdings aus dem "hyperboräischen" (arktischen?) Norden kommen soll und die Menschenrassen der äquatornäheren Gefilde nur chtonische Beschwichtigungs- und Beschwörungskulte hervorgebracht haben, scheint mir eher dem Wunschdenken des erzreaktionären Evola zu entspringen. Derzeit spricht alles eher dafür, dass die Indoarier, mit denen er die "Hyperboräer" identifiziert, aus der zentralasiatischen Steppe kamen (siehe Cavalli-Sforza, "Gene, Völker und Sprachen"). Blonde Hünen mit wallenden Wikingerbärten sind jedenfalls nicht die Stifter der griechischen, persischen oder indischen Kultur. Wenn Evola dann, mit ein paar spärlichen Indizien operierend, über eine ursprünglich hyperboräische Hochkultur, auf die dann eine "atlantidische" gefolgt sei, zu schwadronieren beginnt, kann man ihm nur noch als Gläubiger, nicht mehr aber als kritisch denkender Mensch folgen. Hier erreicht sein Werk ein Niveau, das den heutigen Phantasmen von Erich von Däniken nahe steht.
Auch entlarvt Evola sich selbst, wenn er der "höheren" Ritualmagie, welche die Mächte des Himmels nicht bloß anruft, sondern durch die Vollkommenheit ihrer "Form" geradezu zwingt(!), günstig einzugreifen, eine höhere Stellung einräumt als der asketischen Gotteshingabe der "heiligen Männer". Evola feiert also die Bezwingung der himmlischen Mächte durch die "Magie der Tat", als deren Meister er die Priesterkönige des Altertums annimmt. Und da beißt sich die Katze in den Schwanz: entweder es gibt eine kosmische Ordnung, mit der sich der Mensch in Harmonie bringen kann und auch soll, und nur dann macht eine traditionale Staatsordnung einen Sinn, oder die Macht liegt eben nicht bei der Transzendenz sondern beim Menschen und seinen Ego-geborenen Zwecken, mit denen er den Himmel belästigen darf, und auch noch von dort Hilfe erhält, wenn er nur bestimmte "magische" Formen befolgt. Erneut der Widerspruch: der ganze Zweck der (von Evola fälschlich als "magisch" betrachteten) Riten besteht ja gerade darin, das eigene Handeln (wieder) mit dem Willen des Himmels in Einklang zu bringen - eben nicht umgekehrt! Erst braucht also Evola den "Himmel", um eine anti-egalitäre Staatsform zu rechtfertigen, dann aber beschneidet er die Macht der Transzendenz, um das Bild von einer adligen Kriegerkaste zu beschwören, deren Tat in Wahrheit willkürlich ist und daher jenseits aller Moral liegt.
Was er dann über die innere Natur des Menschen ausführt, wie er die Unterschiede der menschlichen Rassen begründet, deren Existenz er auf das Wirken individuellen und kollektiven Karmas zurückführt, darauf kann an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Jedenfalls lässt sich auch mit Evolas Menschenbild keine anti-egalitäre Moralphilosophie begründen - bei ihm sind Menschen einfach schlecht, weil sie zu niederen Rassen gehören, und gehören zu niederen Rassen, weil sie schlechte Menschen sind... also eine Tautologie, aus der man kein Sollen philosophisch herleiten kann.
Die "Revolte gegen die Moderne Welt" ist deshalb stark, wo sie auf die immense Quellenkenntnis des Autors zurückgreifen kann. Sie ist dort, über weite Strecken, schwach, wo es dem italienischen Baron bloß darum geht, die Willkür seiner eigenen Klasse (= die Kriegerkaste, die im europäischen Adel weiterlebte) zu rechtfertigen.
Evolas Hauptproblem liegt im Grunde darin, dass es die traditionale Kultur in Reinform wohl nie gegeben hat, jedenfalls erachtet er keine jener Kulturen der historischen Epoche, jener, für die schriftliche Quellen vorliegen, als authentisch traditional sondern als bereits dem Verfall (der alten, wahrhaftigen Ordnung) in mehr oder minder großem Grade anheimgefallen. Diesen Verfall, den er über die letzten mindestens 4000 Jahre der Geschichte beschreiben will, kann er so nur nachweisen, wenn er - rein hypothetisch, hochspekulativ und darum im Prinzip willkürlich - eine vollkommene Urkultur, ein goldenes Zeitalter, als einstmals gegeben annimmt.
Von einer solchen Kultur fehlen uns leider alle Zeugnisse - aber in unserem Pop-Mainstream hat sich, in der Phantastischen Literatur, die traditionale Kultur in ihrem Geist und Wesen erhalten: Man schaue sich nur noch einmal die "Herr der Ringe"-Verfilmungen an; hier sind sie, die großen Männer der Tat, die edlen Helden, die gerechten Könige, deren Sprechen und Streiten gleichermaßen sakralen Charakter zu atmen scheint.
Oder, anders betrachtet, jede traditionale Kultur, die in die Phase ihres Niedergangs eingetreten ist, wird unerträglich: Wo der König nicht mehr von Gottes Gnaden regiert sondern aus bloßer Willkür, wo die Priester das Göttliche nicht mehr kennen sondern sich solche Kenntnis nur noch zum Predigen anmaßen - dort ist jede noch so verlotterte demokratische Gesellschaft lebens- und liebenswerter. Der Fisch beginnt nämlich vom Kopf an zu stinken.