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Gotan Project hat das Innerste des Tango freigelegt und neu eingekleidet - die zeitlosen Melodien unstillbarer Sehnsucht in das Gewand der urbanen Gegenwart gehüllt ... die Szenerien der schummrigen Bordelle und Spelunken des Buenos Aires der Dreissiger Jahre sind kühl eingerichteten Bars gewichen, die Lichter der Großstadt spiegeln sich nicht mehr in den Pfützen ungepflasterter Vorstadtgassen, sondern in den Glasfassaden multifunktionaler Erlebnispaläste und auf Kühlerhauben der Wohlstandskarosserien einsamer Stadtneurotiker. Hier muss niemand mehr um sein Leben singen und die Melancholie am Bartresen oder in der Lounge gilt nicht mehr einer fernen Heimat, sondern einem entrückten Ich, der unbestimmten Möglichkeit einer Begegnung, einer anderen Existenz, irgendwo, weit weg...- sanft schmeicheln sich die flüsternden Beats in unsere Herzen und ehe wir uns dessen gewahr werden, haben wir unser Herz verloren an diese Musik - und so gehört es sich auch beim Tango. Wir träumen von Ozeandampfern und davon, jemandem im Arm zu halten, für die Dauer eines Lieds ...
Virtuos, wie die Musiker von Gotan Project die Synthese zwischen Elektrobeats und Bandoneon, zwischen Künstlichkeit und Authentizität erreichen - immer unspektakulär, aber mit gleich bleibender Intensität. Leichtfüßig wird mit den verschiedensten Elementen der Musikgeschichte gespielt - mit dem Elektropop der 80er Jahre eines Jean-Luc Ponty beispielsweise. Jazzriffs werden ebenso locker eingesetzt wie klassisch angehauchte Pianopassagen. Von den zehn Stücken dieser CD fällt keines ab, sie bilden zusammen einen Spannungsbogen, der mit seinem Abschluss zugleich einen Höhepunkt erreicht: Vuelvo Al Sur, ein Klassiker von Astor Piazolla, den wohl jeder Musiker, der sich in den letzten Jahren mit Tango befasst hat - und das sind nicht wenige, darunter so große Namen wie Gidon Kremer,YoYo Ma, oder Daniel Barenboim - eingespielt hat. Dennoch gelingt es den Musikern, das Stück so zu interpretieren, als ob es noch nie gehört sei. Ein klassisches Bandoneon-Intro mündet in einen überraschend synkopierten Rhythmus, nahtlos fügt sich die Gitarre ein, übernimmt das Bandoneon die Erzählstimme des Lieds und als die Beats abebben, setzt die Stimme der Sängerin ein, hebt an zu einer Geschichte, die zeitlos ist und von der wir uns ebenso wie von diesem Stück wünschen, sie würde nie zu Ende gehen. Vuelvo Al Sur, ich kehre in den Süden zurück - auch wer kein Spanisch versteht, den wird den Inhalt des Liedes erreichen, dass von einer inneren Heimat handelt, die vielleicht unerreichbar geworden ist.
Gotan Project hat die Zeitlosigkeit des Tango unter Beweis gestellt und zu dessen Unsterblichkeit beigetragen: wer sich von dieser Musik begeistern und berühren lässt, der wird vielleicht auch mit Faszination den Wurzeln dieses Lebensgefühls nachgehen und sich Tango-Originalauf-nahmen mit den alten Orchestern von Di Sarli bis Piazolla mit ganz anderen Ohren anhören - und sich vielleicht auch auf eine der Einspielungen von klassischen Musikern einlassen.
Dass Gotan Project auf ein so breites musikalisches Spektrum verweist und dennoch etwas ganz Eigenes geschaffen hat, das den Nerv der Zeit trifft, dass ihre Musik der Seele des Tango treu bleibt, ohne je in die Nostalgie abzugleiten, darf als Phänomen gelten und durchaus als Ereignis betrachtet und gefeiert werden.
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