Hach ja, die Weakerthans. Vier lange Jahre haben sie uns nach "Reconstruction Site" warten lassen, jetzt schenken sie uns wieder neue Musik, und es fühlt sich so an, wie wenn man nach langer Zeit wieder bei seiner Familie ist. Viel mag passiert sein in der Zwischenzeit, hier ist alles vertraut, als sein man nie weg gewesen. Hier fühlt man sich geborgen, zu Hause und man muss sich nicht verstellen. Man ist einfach.
Auch die Weakerthans sind einfach. Und einfach so, wie sie sind. Und jeder kennt diese Momente im Leben (Sex, Waldspaziergänge, mit Kindern spielen, Spiegelei und Bratkartoffeln essen), da erkennt man einfach, dass die ganz einfachen Dinge unschlagbar die besten sind. Genau diese Erkenntnis holt einen beim Hören dieses Albums auf Schritt und Tritt ein. Diese Songs, die einen mit ihrer vermeintlichen Schlichtheit und unspektakulären Unaufgeregtheit erst mal zweifeln lassen, ob sich der Albumkauf wirklich gelohnt hat, genau diese Songs krallen sich mit tausend Widerhaken am eigenen Herzen fest, so dass sie auf Dauer Teil von einem selber werden.
Genau wie auf den drei Vorgängern ist jeder Song das ganz große Gefühlskino- realisiert mit einfachsten Mitteln und bar jeder Hollywood-Formel. John K. Samson ist ein Magier, der kleine Schnappschüsse aus dem Alltag ganz gewöhnlicher Menschen zu kurzen Texten zusammenfügt, und daraus lebensgroße Epen erschafft. Beispiele gefällig? In "Relative Surplus Value" erlebt der gestresste Dotcom-Geschäftsmann den Zusammenbruch seiner gesamten bisherigen Wertewelt mit ein paar lapidaren Worten: "I'm down 12 points, and they're selling.(...) by the time the market opens in Tokio I'll be worthless." Um danach hilfebedürftig wie ein kleines Kind bei einer nicht näher spezifizierten nahen Person anzukriechen: "I know we haven't talked in a while, but ... would you please come get me?"
Es gibt ein Wiedersehen mit Virtute, der poesiebegabten Katze, die schon auf "Reconstruction Site" für einen der ganz großen Momente gesorgt hatte. Diese hat ihr frustriertes Herrchen zugunsten eines Streunerlebens verlassen und richtet ein paar letzte Worte an ihren ehemaligen Gefährten: "....I'd let you brush my matted fur. How I'd knead into your chest while you were sleeping. Shallow breathing made me purr. But now I can't remember the sound that you found for me." Jene anrührenden Zeilen lassen mich jedesmal wieder meinem Katerchen ein paar dieser Weakerthans-typischen Happysad-Tränchen in sein Fell weinen.
Und das waren jetzt nur zwei Beispiele. Darüber hinaus gibt es vertonte Edward Hopper-Gemälde, ein Epitaph für einen wunderlichen Eishockey-Torwart, eine ironische Betrachtung über reformierte 80er-Hardrock-Bands, und und und.
Darüber hinaus sollte man aber nicht vergessen, dass es sich bei den Weakerthans um eine Musikgruppe handelt. Und auch wenn beim ersten Hinhören alles beim alten ist, muss man ihnen eine gelungene musikalische Weiterentwicklung attestieren, auch wenn sie ihren Stil nicht gleich umschmeissen. Die findet im Kleinen statt, wenn die Weakerthans Trompeten, Glockenspiel, Keyboardstimmen und obskure selbstgebaute Instrumente integrieren. Begrüßenswerterweise lässt Stephen Carrol die Pedal Steel meist in der Ecke, die nur bei "Utilities" zum Einsatz kommt. Nicht zu vergessen der beeindruckende Albumeinstand von Bassist Greg Smith, dessen Linien die Songs nicht nur begleiten, sondern -wie etwa in "Night Windows"- mitunter tragen.
Kurzum, jedes Detail auf dem Album ist erfreulich. Was aber nichts gegen dieses Ganze ist, das auch hier viel mehr als die Summe der eigenen Teile ist.
Für Nichteingeweihte ist es beim Erstkontakt schwer zu verstehen, warum gerade die Weakerthans die wahrscheinlich beste Band der Welt sind. Wer aber "Fallow", "Reconstruction Site" und besonders "Left and Leaving" kennt und diesen Wunderwerken genauso verfallen ist wie ich, für den kann es auch für "Reunion Tour" nur ein Fazit geben: ein glücklich geseufztes "Hach ja, die Weakerthans", das so viel mehr aussagt als jede umständliche Erklärung.