"Rettet die Wale" ist ein sehr schwieriges Album. Nach Hören des Titeltracks im Radio versuchte ich, hier im Internet Hörproben zu finden - was misslang. So hielt ich dann eine Woche später das Komplettwerk in der Hand und war zunächst wenig beeindruckt. "Rettet die Wale" hat einen völlig anderen Charakter als jedes andere Lied auf der CD. Kein Song klingt wie der andere.
Da sind dann zwar Titel dabei, die beim ersten Hören überzeugen ("Linzserenade", allein schon wegen der Textzeilen "In Linz gibt es viel Polizei / Und trotzdem bin ich allein / ... / Und überall Linzpolizei"; "We shall overcome", so eine Art erste Singleauskopplung mit sehr viel Text und noch mehr Aussage), aber andererseits sind dann auch zwei Stücke drauf, mit denen ich mich auch jetzt nicht 100%ig angefreundet habe. "One Hand Mona" enthält bewegende Elemente ("Rise and shine, Mona! Rise and shine on them all!"), aber ist mit seinen 9einhalb Minuten Spieldauer dann doch zeitweise nervig. Und außerdem "Mein Bruder" - so aussagekräftig der Text auch sein mag: es fehlt die Melodie!
Andere Titel wiederum entpuppten sich schon nach kurzer Zeit als wahre Genialitäten: "Genua" hat eine sehr freie, sphärische Hintergrundmusik (wunderschön: das Cello!) auf der man eigentlich singen kann, wie und was man will. Gustav entscheidet sich dafür, einen Mischmasch aus Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch zu präsentieren. Erstaunlicherweise aber so, dass ich jedes Wort verstehen kann! "Genua" sorgt mit seiner Ruhe und dem aufrüttelnden Text für die bewegendsten Momente auf dem Album.
Auch "Da am Monopol" überzeugt spätestens nach dem 5ten Hören. Hier wird es nämlich rockig! Dazu ein wahrlich genialer Text ("...in die Zukunft blickend, rechts sich drehend / Dann steckten sie sich plötzlich rote Nelken an und pfiffen auf den Steuermann...") und ein GANZ stimmiges Klavier...
Ein leider eher 0815-Titel ist "Little weird Grrrl" - dem Song ist höchstens eine halbwegs eingängige Melodie abzugewinnen. Der Text ist nicht so aussagekräftig, wie man es von Björk - pardon, Gustav, die Stimmen ähneln sich doch sehr... - gewohnt ist. Einzig das Saxophon, das ein originelles Motiv zu spielen scheint ist noch ein Pluspunkt.
Schließlich aber noch das letzte Lied und gleichzeitig der Höhepunkt: "Rettet die Wale" überzeugt durch wenige, aber brilliante Textzeilen, gesungen über eine Art Grammophon-Orchester mit einer jazzigen E-Gitarre und ebenso jazzigen Besen, die wider Erwarten keinen Walzer spielen, sondern sich wie jeder andere Titel auf der CD im 4/4-Takt aufhalten. Die extreme Ordnung in der Melodielinie scheint sich im Text widerzuspiegeln - nur dass dort in Wirklichkeit Chaos herrscht...: "Rettet die Wale und stürzt das System / Und trennt euren Müll, denn viel Mist ist nicht schön / Vergeudet eure Jugend und sagt nicht 'Neger' und nicht 'Tschusch' / Und lasst den Kindern ihre Meinung oder treibt sie früher ab / Und nehmt euch an den Händen und macht Liebe - jeden Tag! / Und rettet die Wale" - perfekt! Alle Boshaftigkeiten, alle vorgetäuschten Süßlichkeiten werden verziehen, als man feststellt, dass Eve Jantschitsch (also Gustav) den Titel mit dem Anfangsausruf beschließt.
Das niedliche Grammophonorchester spielt noch ein bisschen und noch ein bisschen, bis man dann von der Jazzgitarre verabschiedet wird.
Abschließend möchte ich nur noch darauf hinweisen, dass mittlerweile auf einer Schallplatte der Wighnomy Brothers ein hervorragender Remix zu "We shall overcome" erschienen ist. Dies ist leider bisher der einzige Remix, was verwunderlich ist, zumal sich (fast) jedes Lied zum Remixen eignet... DJs: Mut gefasst! Geht fröhlich auf "Rettet die Wale" zu und losgemixt - was auch immer ihr und Gustav damit anstellt...
RETTET DIE WALE!