(Kinoversion)
Für wahre Cineasten und diejenigen Kinogänger, die sich mit Freuden abseits der ausgelatschten Hollywood-Mainstream-Pfade bewegen und offen für ungewöhnliche Geschichten mit speziellen Charakteren sind, ist "Restless" ein wahres Fest. Gus van Sant ("Good Will Hunting", "Milk") hat sich mit "Restless" selbst übertroffen, und das ist ja keineswegs selbstverständlich, zeichnet der Regisseur doch auch für sperrige Werke wie "Paranoid Park" und "Elephant" verantwortlich. Mit "Restless" ist es van Sant jedoch gelungen, einen wirklich wunderschönen, besonderen, ja, fast einzigartigen Film zu schaffen, der aus der dumpfen Masse einfallsloser 08/15-Produktionen hell leuchtend hervorsticht. Und mit dem erst 22jährigen Sohn von Dennis Hopper im Cast kann ja eigentlich sowieso nichts mehr schiefgehen, oder? Eben. Henry Hopper debütiert (abgesehen von einer kleinen Rolle als 6jähriger) übrigens in diesem Film, und dafür ist seine schauspielerische Leistung wirklich beachtlich. Bei den Genen aber auch nicht wirklich verwunderlich.
Enoch Brae (Henry Hopper) geht gerne auf Beerdigungen. Warum er das tut, wird eigentlich erst ziemlich am Ende von "Restless" klar, aber das macht nichts. Er ist ein verschlossener Einzelgänger und Schulabbrecher, der immer noch nicht über den Unfalltod seiner Eltern hinweggekommen ist. Auf einer dieser Trauerfeiern trifft er Annabel Cotton (Mia Wasikowska, "Alice im Wunderland"), die gerade der Beisetzung eines Mitpatienten von der Kinderkrebsstation beiwohnt. Auch Annabel hat nicht mehr viel Zeit, sie wird in ein paar Monaten sterben. Nichtsdestotrotz freunden diese beiden scheinbar unglücklichen Menschen sich an und verlieben sich ineinander. Außer Hiroshi (Ryo Kase, "Letters from Iwo Jima"), dem Geist eines imaginären Kamikaze-Piloten aus dem zweiten Weltkrieg, der Enochs fast ständiger Begleiter ist, hat der verschrobene Junge keine Freunde und Annabel ist die Erste, die ihn versteht und ähnlich zu denken und zu fühlen scheint wie er. Fortan verbringen die beiden Teens viel Zeit zusammen, auch wenn Annabels Schwester Elizabeth (Schuyler "Tochter-von-"Carrie"-Sissy-Spacek" Fisk) dem anfangs skeptisch gegenübersteht. Aber die Uhr tickt und Annabels Tage sind gezählt...wie wird Enoch mit diesem erneuten Verlust eines geliebten Menschen klarkommen? Wird er überhaupt damit klarkommen? Welche Chance hat diese zeitlich so eng begrenzte Liebe überhaupt?
Zuerst einmal: "Restless" ist nicht eine Sekunde lang kitschig oder schwülstig. Und er ist bei weitem kein reiner Frauenfilm. Im Gegenteil, "Restless" ist eine so wunderbar schrullige, witzige und zu Herzen gehende Tragikkomödie, wie man sie lange nicht im Kino gesehen hat, und somit bestens für Menschen beiderlei Geschlechts geeignet. Denn die Gefühle, die Enoch und Annabel füreinander entwickeln, sind nur ein Aspekt dieser wunderschön erzählten Geschichte. Es geht um Freundschaft, Abschied, Selbstfindung und allerlei andere skurrile Nebensächlichkeiten, die diesen Film zu etwas ganz Besonderem, Liebenswertem und Komischem machen. Jason Lews im Übrigen erstes Drehbuch strotzt nur so vor ungewöhnlichen Eigenheiten seiner beiden Protagonisten, vor phantasievollen Einfällen und behutsamen Annäherungsversuchen, die so natürlich und logisch wirken, dass man sie praktisch schon als gegeben voraussetzt. Gus van Sant hat daraus mit seiner einfühlsamen Regie und dem liebenswerten Schalk, der ihm beim Dreh offenbar ständig im Nacken saß, ein so bezauberndes Stück Kinogeschichte geschrieben, dass man sich wirklich an so einzigartige Filme wie "Harold & Maude" erinnert fühlt.
Getragen wird so ein Film jedoch bei Weitem nicht nur von den (hier ausgezeichneten) Darstellern. Diese liefern durch die Bank weg wunderbar ab und kommen sehr lebensecht und sympathisch rüber. Neben der patenten Schuyler Fisk weiß auch Jane Adams ("Little Children") aus ihrem kleinen Part als Enochs Tante, bei der Enoch jetzt lebt, das Beste zu machen. Im Fokus stehen aber natürlich Henry Hopper (der seinem Schauspieler-Nachnamen alle Ehre macht) als schräger Vogel mit weichem Herz und Mia Wasikowska als tapfere Todkranke, die dem Leben Tag für Tag noch genug abzugewinnen weiß, um das Leben für sie trotz allem sehr lebenswert zu machen. Beide spielen ihre Rollen absolut glaubwürdig und man merkt, dass die Chemie zwischen den Beiden stimmt. Sie geben der eigentlichen Tragik, die "Restless" innewohnt, eine so charmante Leichtfüßigkeit, dass man ihnen gerne länger als nur 91 Minuten zugesehen hätte.
Nein, neben den Darstellern stimmt hier auch alles andere: überzeugende und realistische Settings, wunderbare Musik, ein fantastisches Drehbuch und ein Gus van Sant, der wieder ein wenig geerdet erscheint, seine Geschichte so geradlinig wie stimmig getimed erzählt und es anscheinend mühelos schafft, das Herz des Zuschauers zu berühren. Viele kleine Besonderheiten, Skurrilitäten und ganz viel Kreativität aller Beteiligten machen aus "Restless" eine wahre Perle des Independentkinos, die man keinesfalls verpassen sollte. Somit für diesen wunderschönen Film gerne volle fünf von fünf Beerdigungen, die nicht immer so traurig enden müssen, wie es der Anlass eigentlich vorgibt.