Zunächst irritiert der Titel des Buches, der im Folgenden inhaltlich gar nicht mehr vorkommt. Auch der Untertitel "Provokative Strategien für Therapeuten" sucht der Leser/die Leserin vergeblich. Es schreiben Übertherapeuten, dass sie ja objektiver sind als Therapeuten, die sich an ihre Schulmeinungen halten. Es ist nicht falsch, was die Autoren schreiben und es ist auch äußerst wichtig, darauf hinzuweisen, dass Therapeuten Vorentscheidungen treffen, nach denen sie agieren und die für den Gesundungsprozess der Patienten hinderlich werden können. Das Wort Respektlosigkeit scheint jedoch nicht geeignet zu sein. Für ein therapeutisches Vorgehen, das von der Beziehung zwischen Therapeut und Patient gekennzeichnet ist, muss die Selbstinfragestellung des Therapeuten eine Grundvoraussetzung sein. Dazu gehört jedoch auch, dass jeder Therapeut/Therapeutin sich der Restneurose bewusst ist. Gewisse Wege sind häufig beschritten worden, einige Annahmen entsprechen wissenschaftlicher Forschung, wurden während der Ausbildung gelernt und manches ist in der Person des Therapeuten begründet, der trotz Selbstanalyse und Supervision einen Rest an "pathologischen" Anteilen besitzt. Diese ständige Selbstkorrektur oder therapeutische Distanz ist eigentlich selbstverständlich oder sollte es sein. Die Autoren dieses Büchleins sehen hierin quasi eine neue Erkenntnis, neu ist allenfalls, diese Selbstinfragestelllung konkret in den therapeutischen Prozess einfließen zu lassen. Es werden Fälle vorgestellt zum Thema Gewalt, Beispiele, die mit der institutionellen Einbindung zu tun haben, es werden Situationen aus der Ausbildung und schließlich Überlegungen zur Forschung angestellt. Die Fall vignetten sind sehr einleuchtend, die Deutungen ganz aufschlussreich und regen an, das eigene Tun zu überprüfen. Es ist sicherlich auch hilfreich, dass die Autoren Mut machen, sich einmal quer zu stellen. Und immer wieder wird man auch feststellen, dass Therapeuten ihrer Schule verhaftet sind und Aspiranten schnell lernen, den vorgegebenen Weg einzuschlagen. Manfred Lütz hat mit dem Buch "Irre. Wir behandeln die Falschen" in amüsanter Weise solche Vorstellungen aufgebrochen. Dort lernt man eine andere Sicht auf die Dinge. "Respektlosigkeit" verbleibt dagegen in einem System, da schreiben Supervisoren, die durch den Einwegspiegel Supervisoren beobachten, die hinter den Einwegspiegeln Therapeuten beoabachten, die den Therapeuten bei seiner Arbeit beobachten.
Das Buch regt an, Vorannahmen zu überprüfen und spielerisch mit Hypothesen oder Thesen umzugehen. Es bleiben jedoch viele Fragen offen und das Buch erscheint wenig gegründet zu sein. Wie ist die Beziehung zwischen Therapeut und Patient beschaffen? Welches inneres Beteiligtsein ist vorhanden? Wie wird überhaupt Beziehung verstanden? Welches eigene Fundament braucht ein Therapeut und welche Qualität muss die Beziehung zum Patienten haben? Der Therapeut vermittelt oder ist nicht nur geprägt von seinen Vorannahmen, sondern auch von seiner Persönlichkeit, seiner Weltanschauung oder Philosophie, seiner Kunst zu leben und seiner Freude am Spiel, seinem Humor, seiner Freude an der eigenen Entwicklung und der des Gegenübers. Viel mehr als die "technischen" Prägungen ist der Prozess von den Persönlichkeiten gekennzeichnet. Hierzu findet sich leider zu wenig in diesem Buch.