Respekt wird in unserer schnelllebigen Zeit immer noch viel zu oft vernachlässigt. Renan Demirkan schreibt über Formen der Respektlosigkeit in unserer heutigen Gesellschaft. Aus der Perspektive einer Schauspielerin und Schriftstellerin erklärt sie, warum Respekt von größerer Bedeutung ist als Toleranz, Gerechtigkeit oder Solidarität.
Toleranz wird häufig nur mit Duldung gleichgesetzt. Gerechtigkeit scheitert oft an der Hürde zwischen Arm und Reich und Solidarität verliert sich in elektronischen Netzwerken, bräuchte Zeit zur Entwicklung sowie Bindungsabsicht, die in unserer flach wurzelnden Gesellschaft nicht besteht. Die Autorin meint, Reichen wären "frei von jeglichen Bindungsgedanken, weil sie jedes x-beliebige Netzwerk zu jedem Zeitpunkt erreichen und wieder verlassen können?"
Ihre besondere Beobachtungsgabe stellt die Autorin im Kapitel Heimweh" unter Beweis. Dort stellt sie fest, dass Kleinkinder jeglicher Nationalität und unabhängig vom Geschlecht ohne Kontakte zur Mutter, ihre Hände naturgemäß zu Fäusten ballen. Bei Zuwendung öffnen sie ihre Hände und greifen nach Halt, so als würden sie in ein Fell greifen wollen. Dieser Naturreflex ist angeboren und steht als Urbild für die Angewiesenheit des Menschen auf Halt, um sich im Leben zurechtzufinden. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass wir im Leben "zwei oder drei einfache, große Bilder in uns wieder finden, denen sich das Herz ein erstes Mal erschlossen hat." (Albert Camus)
In letzten Beitrag mit der Überschrift "Respekt" erläutert Frau Demirkan, dass prägende Bilder in früher Kindheit entstehen. Anhand einer Szene aus ihrer Schauspieltätigkeit zeigt sie sehr anschaulich, wie eine spielerische Darstellung zur Abhängigkeit zwischen Herrin und Sklave" eskalieren kann, wenn Kindheitsverletzungen angetastet werden. Eine fragwürdige Spielszene um das Thema Tyrannei und Gier, die sich verselbstständigt, als an einem wunden Punkt der Kindheit gerührt wird. Sie hat sich diese Szene, in der aus Spiel urplötzlich Ernst wird, lange Zeit nicht verzeihen können.
Fazit: Fremde machen sich auf den Weg und begegnen uns offen, was nicht für alle Besucher in unserem Land gilt. Den offenherzigen Menschen gegenüber zeigen sich jedoch viele Bürger offensichtlich verschlossen. Das Buch birgt für tolerante Menschen einen Schatz: Mit visionärer Kraft an der Grenze zwischen Naivität (wenn es um rein technische Phänomene geht) und Prophetie, öffnet Renan Demirkan Herzen einfühlsam. Der Leser bekommt Einblicke in eine fremde Kultur und erkennt, wie sehr sich Menschen ähneln, wenn es um Gefühle geht. Wer dieses Buch gelesen hat, dem dürfte es zukünftig leichter fallen, mit offenen Händen respektvoll auf Menschen eines anderen Kulturraumes zugehen.
Ich würde mir wünschen, Würdenträger ihres Heimatlandes läsen ihr Werk ebenso aufmerksam wie Menschen, die für respektvollen Umgang mit ihren Nächsten sensibler werden wollen.