Nach längerer Zeit wieder ein neues Album von Hélène Grimaud. Ich war sehr neugierig.
Musik: Zunächst eher ein Schock. Wie sie Mozart spielt (Nummern 1 bis 3), ist schon eine Frechheit - denkt man zunächst, bis man sich dabei ertappt, an der drängenden, nach vorne strebenden Art Gefallen zu finden. Aber es zieht einen raus aus der u. U. gewohnten, oft einlullenden Mozart-Komfortecke. Man kann geteilter Meinung sein, definitiv. Berg: Tatsächlich "anspruchsvoll" zu hören, fast schon erstaunlich, dass die Deutsche Grammophon (in den letzten Jahren ja eher für Mainstream bekannt) das veröffentlicht. Ich werde die Sonate noch einige Male hören und vielleicht etwas über den Hintergrund lesen müssen, bis ich mir da ein Urteil erlauben möchte. Liszt: Sicher das populärste Stück dieser Platte mit der größten "Konkurrenz" auf dem Schallplattenmarkt. Das Ergebnis ist zwiegespalten. Einerseits bin ich auch nach mehrfachem Hören überwältigt vom wahrhaft diabolischen Charakter vieler Passagen und dem blitzschnellen Umschwenken ins absolute Gegenteil. Diesen Wechsel beherrscht Grimaud perfekt! Andererseits tritt ihr schon immer, auch auf anderen Platten, sehr harter Anschlag natürlich gerade hier im Liszt schonungslos zutage. Ich persönlich mag das nicht besonders, aber es ist - zugegeben - auch irgendwie ihr Markenzeichen. Und schließlich Bartok: Fast mein Lieblingstitel. Wirkt fast banal nach diesem Liszt-Programm, das einen erstmal "puh" sagen lässt, aber andererseits passt es auch irgendwie. Gerade hier im Bartok scheint das durch, was mir bei Grimaud am meisten gefällt: Ihre völlig selbstverständliche Virtuosität, ihre fast perkussiv gespielte Leichtigkeit mancher Passagen und ihr Gefühl für "Drive", um einen Anglizismus zu bemühen.
Klang: Ich schließe mich dem 5-Sterne-Urteil im FonoForum-Magazin an und bin absolut begeistert. Endlich mal wieder eine gut klingende Klavierplatte von der Deutschen Grammophon. Da gibt es leider auch anderes, was ich mir auf meiner High-End-Anlage nicht gern anhören mag. Wunderbar definierter, klarer Anschlag, klangfarblich wunderbar neutral, nicht zu direkt (trotz der offenbar harten Flügel-Intonation!), nicht zu hallig und schwammig.
Booklet: Recht sparsam gehalten, insgesamt wenig erhellend, aber immerhin ein ganz netter zusammenfassender Text über das Programm der CD, gewürzt mit Zitaten der Pianistin. Ist okay, aber ich hätte mir mehr gewünscht.
Insgesamt eine empfehlenswerte Platte, wenn auch mit den erwähnten Wermutstropfen. Trotzdem in meinen Augen 5 Sterne!