Alle Menschen, die mit Kindern zu tun haben, wissen seit langem, dass Kinder unterschiedlich sind. Eltern in Mehrkindfamilien berichten, dass jedes ihrer Kinder ganz anders sei als das vorhergehende, obwohl doch ihre Art mit ihnen umzugehen und ihre Erziehungsmethoden völlig identisch seien. Kinder sind nicht nur in ihrem Charakter verschieden, wie die Autoren dieses hervorragenden und leicht zu lesenden Erziehungsratgebers betonen, sie haben auch von der Natur aus unterschiedliche Fähigkeiten mit auf dem Lebensweg bekommen, mit Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein durch das Leben zu gehen. Wie kommt es, fragen sie, dass das eine Kind auch schwere Nackenschläge und Frustrationen und Niederlagen gut verkraften kann, während ein anderes vor der gleichen Herausforderung scheitert oder gar zerbricht ?
Wie kommt es, dass es Kinder gibt, die an solchen Krisen sogar wachsen und reifen ? Bringen diese Kinder eine solche bewundernswerte Fähigkeit schon mit auf die Welt, oder gibt es beschreibbare Faktoren, die schon in der frühen Kindheit die Ausbildung einer solchen Fähigkeit fördern bzw. hemmen können?
Diese Fähigkeit nennen die Autoren "Resilienz". Sie benutzen damit einen Begriff aus der Biologie, der dort Spannkraft, Elastizität und Beweglichkeit bedeutet. Psychologen, wie die beiden Autoren, selbst erfahrene Kindertherapeuten, bezeichnen mit Resilienz die seelische Widerstandskraft, die uns Krisen und Niederlagen meistern lässt und Schicksalsschläge bewältigen lässt. Resilienz meint den Willen zu überleben.
Wer möchte seinem Kind nicht gern ein solches "Geheimnis der inneren Widerstandskraft" vermitteln ?
Die beiden amerikanischen Autoren versuchen in ihrem klug aufgebauten und nachvollziehbaren Buch motivierten Eltern die nötigen Grundlagen dafür zu vermitteln. Ich sagte schon, der Text sei leicht verständlich, das bedeutet jedoch nicht, er sei leicht umsetzbar. Von Eltern, die sich auf ihren Resilienz-Ansatz einlassen wollen, wird nämlich ziemlich viel gefordert und verlangt. Zunächst haben sie sich lautere Rechenschaft zu geben über ihre eigenen Träume und Wunschvorstellungen ihr eigenes Kind betreffend. Schon hier werden viele abspringen , weil sie sich nicht eingestehen können, welche Funktion ein "funktionierendes" Kind für die Bewältigung ihrer eigenen Persönlichkeit oder auch der Ehe der Eltern hat.
Doch die Autoren argumentieren selbst empathisch, das was sie im Weiteren ihren Lesern empfehlen. Und sie postulieren Fehlerfreundlichkeit. Nobody is perfect und die Stärkung unserer Kinder für das Leben ist ein Prozess für sie und auch für uns.
In einem dritten Kapitel werden die zehn Schritte zur wirksamen Kommunikation empfohlen: Zuhören -Lernen und verstehen - Einfluss nehmen; Schritte, die mit das Beste darstellen, was ich je in Ratgebern zur menschlichen Kommunikation gelesen habe.
In einem vierten Kapitel geht es, der Skript-Theorie folgend, um gute, schlechte und untaugliche Skripte und um die Erkenntnis, dass Skripts verändert werden können und oft auch verändert werden müssen. Fünf Leitsätze zur Abfassung positiver Skripts geben wertvolle und konstruktive Hinweise dafür.
Dennoch: ohne Liebe und Wertschätzung, ohne das Kind so zu akzeptieren, wie es ist, wird die ganze Angelegenheit nicht von Erfolg gekrönt sein. Liebe und Wertschätzung ist nicht nur im Verhältnis zwischen den Erwachsenen und den Kindern die condition sine qua non, sondern auch im Binnenverhältnis der Erwachsenen eine Familie.
Noch viele weitere, ähnlich gut aufgebaute Kapitel schließen sich an über Fehlerfreundlichkeit, Verantwortungsgefühl, Mitgefühl und soziales Empfinden, Problemlösungsfähigkeit und Entscheidungskompetenz und die abschließenden Fallgeschichte unter dem Titel "Mut und Hoffung". Die Autoren widmen zwischendrin dem Thema "Disziplin" ein eigenes Kapitel, in dem sie neun Grundsätze formulieren für einen guten Erzieher.
Am Ende fassen sie wie in einem kleinen Kompendium alle ihre Ratschläge aus den 12 Kapiteln noch einmal zusammen.
Fazit: ein ausgezeichnetes Buch zweier in den USA sehr bekannter Kindertherapeuten, dem man hier in Deutschland eine große Resonanz wünschen kann.
Nicht nur für bewusste Eltern, sondern für alle Erzieher und Pädagogen, Lehrer und deren Supervisoren ein wichtiges Buch.