Livia Azalnina ist eine Edelkurtisane, zurück auf dem Weg nach Venedig und hat nicht mehr lange zu leben. Am Rialto geht nämlich ein Serienmörder um, der es auf Prostituierte abgesehen hat. Allerdings nicht im Venedig von heute, sondern im Venedig des 19. Jahrhunderts, es sind die letzten Jahre, in denen Österreich-Ungarn und Kaiser Franz Josef die ehemalige Republik regiert.
Außerdem ist Karneval, da fällt niemand auf, der sein Gesicht maskiert. Was dem Mörder die Arbeit sehr erleichtert.
Wieder lässt Nicolas Remin seinen Commissario Tron ermitteln, diesmal in bizarren Mordfällen, in denen den Opfern die Leber herausgeschnitten wird. Mit dabei ist der österreichische Polizeipräsident von Venedig, frisch verheiratet mit einer dreißig Jahre jüngeren Schauspielerin und erpicht darauf, den Wettbewerb um die Stadt mit den wenigsten Morden zu gewinnen. Noch sind die Aussichten gut, Graz, der ärgste Konkurrent hat zwei Morde mehr. Doch Serienmörder sind für solche Wettbewerbe nicht günstig und dementsprechend umwölkt ist die Stimmung des hohen Herrn.
Da kann nur Ispettore Bossi helfen, der die Polizei Venedigs mit den neuen wissenschaftlichen Methoden bekannt macht, in Venedig die Tatortfotografie eingeführt hat und auch manch andere Neuerung in Ermittlungen. Sehr zum Missfallen des Commisario, der aus altem Adel stammt und dem wissenschaftlichen Neuerungen genauso suspekt sind wie die neumodischen geschäftlichen Pläne, die seine Mutter mit seiner Verlobten hinter seinem Rücken betreiben.
Remins fünfter Krimi atmet erneut das 19. Jahrhundert, die Dekadenz der k.u.k. Monarchie und zeichnet ein lebendiges Bild von Venedig, das seinem alten Ruhm nachtrauert und gleichzeitig die ersten Vorläufer einer Touristenattraktion erlebt. Doch das Buch ist auch ein spannender Krimi, mit etwas Augenzwinkern erzählt, auch sprachlich gekonnt formuliert und bestens geeignet, in eine andere Zeit einzutauchen und gleichzeitig Spannung pur zu genießen. So angenehm wie die Pralinés des Herrn von Spaurs eben. Jedenfalls dann, wenn man nicht gerade den Wettbewerb um die niedrigste Mordquote in letzter Minute zu verlieren droht.
(C) Hans Peter Roentgen