Da ist er wieder, der berühmte letzte Auftrag. Sehr zur Enttäuschung ihres Vaters (Tchéky Kayo) will Profikillerin Lucrèce (Mélanie Laurent) das Morden zu Gunsten ihrer achtjährigen Tochter aufgeben und zukünftig ihr Talent als Opernsängerin ausbauen. Ziel ihres Auftrages ist der Opernsänger Alexander Child (Christopher Stills), der in England über ein ordentliches Stück Land verfügt, das er jedoch nicht zugunsten einer Ölpipeline verkaufen möchte. Ihr Vater ermöglicht Lucrèce Zugang zu dem Opernensemble, mit dem Child einen Auftritt absolvieren wird. Dieser findet in der zauberhaften Kulisse eines exklusiven Lustschlosses in der Schweiz statt und soll, welche Ironie, auch für ihn der letzte Auftritt sein, bevor er sich ganz auf die Produktion von Whiskey konzentrieren und ins englische Hochland abdanken will. Damit es nicht sein letzter Auftritt auf Erden wird, schleust die Polizei einen Schutzengel namens Rico ein (Clovis Cornillac), der nach Jahren der Abstinenz eher widerwillig und unter Androhung eines längeren Gefängnisaufenthaltes seiner Arbeit nachkommt. Dank seiner Fähigkeiten mit der klassischen Gitarre umgehen zu können, kann auch er im Ensemble untergebracht werden. Zwar hat die Polizei Wind von einem Anschlag auf Child bekommen, doch keine Ahnung, wer als potentieller Mörder in Frage kommt. Letztendlich wollen sie über eine Festnahme an den Auftraggeber herankommen und den Vermittler unzähliger Mordanschläge Van Kummant (Johan Leysen) überführen.
Die Ausgangslage in Jérôme Le Gris Erstling 'Requiem for a Killer' ('Requiem pour une tueuse', 2011) eine gute für eine klassische Suspense-Story, die man sich gut aus der Feder von Alfred Hitchcock vorstellen könnte. Das Setting stimmt soweit, die Hochglanzoptik des modernen, französischen Kinos ist da und auch handwerklich beweist Gris, dass er als Regisseur durchaus über Talent verfügt.
Als Drehbuchautor kann ich ihm dies jedoch nicht bescheinigen, denn was er da an Geschichte auftürmt, stürzt ab dem dritten Akt des Films vollständig in sich zusammen. Es scheint, als wären viele Szenen weggelassen wurden, die dem Zuschauer die Motivation der Figuren hätten erläutern können. Gerade was die Emotionen zwischen den Figuren angeht, muss der Zuschauer etliche Fragen einfach herunterschlucken. So wird angedeutet, dass Lucrèce sich tatsächlich in ihr Opfer verliebt, denn sie stellt nach dem ersten Anschlag ihre Tätigkeit ein bzw. lässt nicht mehr erkennen, ob sie überhaupt noch ihr Auftragsziel verfolgt. Einblicke in das Innenleben von Lucrèce sind von Gris anscheinend überhaupt nicht vorgesehen gewesen. Mélanie Laurent, die mit 'Inglorious Basterds' (2009) ihren internationalen Durchbruch feierte, spielt ein absolutes Neutrum. Hierfür arbeitet sie ausschließlich mit ihrem sedierten Mélanie-Laurent-Blick und der macht mich, mit Verlaub, auf Dauer aggressiv. Mehr als einmal hatte ich das Bedürfnis dieses zärtliche Püppchen (Opernsängerin, genau!) einmal ordentlich durchzuschütteln und währenddessen zu rufen: 'Der Film läuft bereits eine Stunde, tu doch endlich was! Schauspieler doch mal!'. Nein, nichts passiert. Gut, am Ende rollen ihr ein paar Tränchen über die blassen Wangen. Hierbei konnte ich aber zeitgleich mithalten, denn vom andauernden Zähneknirschen hatte ich regelrechte Schmerzen und Schaum vor dem Mund.
Ich schreibe sehr ungern in diesem Ton über einen Film, denn es Bedarf sehr viel Kraft, Fleiß, Energie und Geld um so ein Projekt auf die Beine zu stellen. Unendlich mal mehr als nötig ist einen Film zu verreißen, doch 'Requiem for a Killer' ist genau die Form von verschenkter Zeit, die ich niemanden auch nur ansatzweise empfehlen kann. Nicht nur gerät die Geschichte, weil schlecht durchdacht und vermutlich ebenso szenentechnisch Zusammengeschnitten, völlig aus dem Ruder, nein, es sind auch die vielen wirklich debilen Ideen, mit denen Gris hier hantiert. Schon bei dem ersten Beispielauftrag, der Lucrèce und ihren Vater als absolute Profikiller einführen soll, habe ich mich erfolglos nach einer versteckten Kamera in meinem Wohnzimmer umgesehen. Das 'Ziel' soll im 'VIP Bereich' einer christlichen Messe sitzen. Wie sich herausstellt, handelt es sich um die stinknormalen Sitzreihen in einer nicht gerade gut besuchten Sonntagsmesse. Ein Lappen mit Blut ist das einzige Indiz zur Person. Damit konnte jedoch nur festgestellt werden, dass diese gegen Katzen allergisch ist und zu einem bestimmten Termin in einer Sonntagsmesse sitzen wird(?). Was also tun? Natürlich ein paar Babykätzchen (die fallen nicht so auf) zwischen den vollen Sitzreihen der Kirche loslassen. Kaum ist das 'Ziel' ('Hatschiii, hatschiii') ausgemacht zählt Papa ab, wann es denn voraussichtlich mit dem Empfang der Hostie dran sein wird. Todsicheres Konzept. Einsatz Lucrèce: Ins Hinterzimmer schleichen und das Giftplätzchen zwischen die, anscheinend ebenfalls die auf den Punkt genau abgezählten, Hostien schieben. Erfolgschancen für das ganze Unternehmen in der Realität: 0,2 %, in 'Requiem for a Killer': Mission erfolgreich! Ich hatte im Anschluss an diesen Schwachsinn mit irgendeiner Form von Comic Relief gerechnet, aber nichts kam. Es wurden keine Kätzchen geknuddelt, kein Witz über Gottesfürchtigkeit oder die Vergänglichkeit des Lebens gemacht, nein, das war ganz normaler, grauer Alltag bei Familie Profikillers. Aber was kann man auch von einer Sippschaft erwarten, die für die Gesundheit täglich in eine Zitrone beißt? Sauer macht lustig? Das ich nicht lache.
Etwas Gutes hat 'Requiem for a Killer' jedoch gehabt: Ich weiß das Tchéky Kayo, einer meiner Lieblingsschauspieler, noch lebt, aber dringend wieder richtige Arbeit braucht und das man Mélanie Laurent unbedingt aus meiner unmittelbaren Reichweite halten sollte, bis sie, anstatt nur zu gucken, wieder aktiv in einem Film mitspielt. Vielleicht entgeht mir bei ihr aber auch eine besondere Form des Minimalismus, der sich auf pure Anwesenheit vor der Kamera beschränkt.
Jan Heesen für digitalvd.de