Herbert von Karajans 100. Geburtstag am 8. April 2008 wirft schon jetzt seine Schatten voraus. So hat seine bevorzugte Hausfirma, die Deutsche Grammophon Gesellschaft, schon jetzt unter dem schönen deutschen Titel "Karajan Master Recordings" eine 10 CD-Edition mit einigen seiner berühmtesten Interpretationen herausgebracht.
Aus der umfangreichen Mozart-Diskographie des großen Dirigenten wurde das Requiem K. 626 zusammen mit der Krönungsmesse K. 317 auf einer CD zusammengefaßt. Es handelt sich hier um die zweite Diskus-Auseinandersetzung Karajans mit Mozarts letztem Werk. Seine erste Einspielung von 1961 hatte ein recht unterschiedliches Echo ausgelöst. Viele Kritiker waren der Meinung, daß er die musikalischen Strukturen und Konturen des Werkes nicht klar genug durchgezeichnet habe. Mich persönlich hat die andachtsvolle Stimmung der älteren Produktion immer beeindruckt, aber auch die hier wieder aufgelegte, die strukturellen Elemente viel stärker betonende Aufnahme von 1975 hat ihre Meriten, und wer damals mit Karajans Deutung nicht einverstanden war, der müßte hier eigentlich voll zufriedengestellt werden.
Man hört diesmal eine überraschend energisch durchgezeichnete, sehr klare, ganz unverzärtelte Mozart-Darstellung. Zwar wählt Karajan auch diesmal wieder die herkömmliche Süßmayr-Fassung, aber sein Konzept ist von ungewöhnlicher Geschlossenheit und großartiger Präsenz. Das gilt in erster Linie für die instrumentalen Partien, während der Chor längst nicht so plastisch eingefangen wurde, was nach meinem Empfinden aber mehr zu Lasten der Aufnahmetechnik als des Dirigenten geht. Das Solisten-Quartett, bestehend aus Anna Tomowa-Sintow (Sopran), Agnes Baltsa (Alt), Werner Krenn (Tenor) und José van Dam (Baß), ist gut, aber nicht optimal, und ich gestehe, daß ich vor allem Anton Dermota und Walter Berry, die in der älteren Aufnahme mitgewirkt hatten, vermisse.
Die populäre Krönungsmesse gehörte nicht zu Karajans Standard-Repertoire, und so freut man sich, daß man das Werk nun auch unter seiner Leitung erwerben kann. Aber in den Rang des Außergewöhnlichen ist seine Darstellung nicht vorgedrungen. Auch hier wirken der gleiche Chor und die gleichen Solisten mit, und im Ganzen ist eine gediegene Aufführung entstanden, in der es keine nennenswerten Ausfälle gibt. Trotzdem gestehe ich, daß ich die alte Markevitch-Produktion (DGG) von 1960 trotz des härteren Klangbildes nach wie vor vorziehe.
In beiden Werken spielen die Berliner Philharmoniker, und sie beweisen auch hier wieder eindrucksvoll ihre Weltklasse. Die Aufnahmen entstanden 1975 in der Berliner Philharmonie, und wer ein Karajan-Verehrer ist, der sollte sie sich nicht entgehen lassen, zumal sie von einer guten Textbeilage begleitet werden. Das Titelblatt zeigt das Original-Cover der ersten LP-Ausgabe, und das dürfte besonders die Sammler erfreuen.