Gabriel Fauré (1845-1924) gehört, anders etwa als Debussy oder Ravel, zu den weniger einschlägigen französischen Komponisten. Das liegt weniger an der Qualität seiner Werke als vielmehr daran, dass Fauré nur eine recht kleine Zahl großer Orchester- und Bühnenwerke geschaffen hat. Zu den gleichwohl äußerst populären Werken dieses u.a. durch Saint-Saens ausgebildeten Komponisten gehört sein "Requiem" von 1888 (für das Orchester 1899 überarbeitet) - eine Komposition für Sopran- und Bariton-Solisten, Chor und Orchester.
Fauré ließ sich bei der Komposition seines Requiems nicht so sehr durch religiöse Gesichtspunkte, sondern vielmehr durch eine ästhetische Auffassung leiten. Sein Werk weicht daher auch von der traditionellen Gestaltung des Requiems ab. Die alte theologische Perspektive blieb Fauré stets fremd; ihm ging es um eine ästhetisch-versöhnliche Formung von Tod und Sterben. Die Popularität seiner Komposition zeugt vom Gelingen dieses Anspruchs und davon, dass dieses Werk noch immer anrührt. Darin mag auch der Grund für die Vielzahl an Einspielungen liegen.
Die vorliegende Aufnahme (2011) ist aber etwas Besonderes: Der Chef der Bremer Kammerphilharmonie, Paavo Järvi (Jahrgang 1962), trifft auf ein französisches Orchester und einen französischen Chor; den Sopranpart übernimmt mit Philippe Jaroussky der weltbeste Countertenor - eine sehr interessante Kombination. Eine Kombination, die musikalisch auf wunderbare Art und Weise gelingt: Leicht, luftig, flirrend, unangestrengt, mühelos, ja bisweilen beschwingt: Järvi, der erst jüngst, zusammen mit der Kammerphilharmonie aus Bremen, einen ebenso überragenden wie neuartigen Beethoven-Zyklus eingespielt hat, gelingt es erneut, gleichsam mit kammermusikalischen Mitteln den Klang zu multiplizieren. Das heißt nicht, dass er klangliche Miniaturen vergrößert, auf Leinwand bringt und vergröbert; nein, Järvi macht Makrophotographien von Stimme, Klang und Ton. Sein Requiem ist kein Werk für großes Orchester, viel kleiner und doch erhaben. Dem fügen sich alle mitwirkenden Künstler, insbesondere aber das Orchestre de Paris und Phillipe Jaroussky. Der Countertenor hat mit dem Dies-Irae-Fragment Pie Jesu" nur eine kurze Solopartie (3:37 Minuten), aber was für eine! Allein dieses Stückes wegen lohnt die Anschaffung des ganzen Albums. Dann aber hätte man gegebenenfalls vergessen, wie feinfühlig und behutsam, wie präzise und doch voller Spielfreude in allen anderen Stücken musiziert worden ist. Und die exzellente Aufnahme der "Pavane" verpasst - zum Weinen schön! Volle Punktzahl!