Da ist es also, das neue Scheibchen der Symphonic-Giganten Epica. Mit großer Vorfreude habe ich es erwartet. Die Ankündigung, es würde den Weg von "Design Your Universe" konsequent weiterverfolgen, hatte mich äußerst optimistisch gestimmt. Was ich nun in Händen halte, ist jedoch etwas völlig anderes, das zwar stilistisch an den Vorgänger anknüpft, aber eine völlig andere Wirkungsweise aufweist.
Beim ersten Hördurchlauf blieb - bis auf die vorab veröffentlichten und etwas eingängigeren Songs "Storm the Sorrow" und "Monopoly on Truth" - beinahe nichts im Ohr hängen... Wie war nochmal der Refrain des Titeltracks?
Also: Ein paar Stücke herausgepickt und nochmals reingehört. So richtig überzeugen konnte mich (abgesehen von den oben erwähnten) keines, auch wenn das träumerische "Delirium" und der "Gastauftritt" Muammar al-Gaddafis in "Deter the Tyrant" beim zweiten Durchgang positiv auffielen. Sollte das neue Werk aus den Händen der Meister Jansen und Simons etwa ein Fehlschlag sein? Sollte es denn wirklich einfallslos, chaotisch und langweilig geworden sein und nicht mehr?
Diese Vorstellung passte nicht so recht in mein Weltbild, also habe mich weiter mit der Materie auseinandergesetzt. Die vermehrten progressiven Einschläge ("Internal Warfare") und die noch dichtere Vermischung der verschiedenen Facetten der Band machen es dem geneigten Hörer nicht gerade leicht. Des Weiteren setzt man hier stark auf (z.T. schwer greifbare) Atmosphäre und Abwechslung. Der Ohrwurmfaktor wurde - ob beabsichtigt oder versehentlich - extrem zurückgeschraubt; radioreife Hits wie "Never Enough" oder "Tides of Time" sucht man hier vergeblich. Viele Refrains sind etwas flach und geradlinig gehalten. Aber auch wenn man nicht viel eingängige Melodien findet, sind diese gefühlvoller gestaltet als je zuvor. Sängerin Simone Simons hat erneut an ihren Gesangskünsten gefeilt und singt in einem viel breiterem Spektrum, sowohl in tiefen ("Delirium") also auch in hohen Lagen ("Avalanche"). Mark Jansens Growls wurden etwas vermindert, was Simons mehr Raum zur Entfaltung bietet. Arabische Klänge tauchen dagegen wieder zahlreicher auf, was der klanglichen Vielfalt zugute kommt. Und auch die Chöre haben nie epischer und tiefgreifender gewirkt als auf dieser Scheibe - hervorzuheben sind hiebei unter anderem der Titeltrack und die Übergänge im etwas einfacher erfassbaren "Guilty Demeanor". Im Großen und Ganzen haben Epica einen neuen Mix aus den Stimmungen ihrer alten Alben (vor allem "Design Your Universe" und "Consign to Oblivion") kreiert, der sich eigentlich nicht einmal so schlecht macht.
Ich fange nun nach fünf Tagen an, das Album zu mögen, und habe das Gefühl, dass es so schnell nicht langweilig werden wird. Die schwer zugänglichen Songs sind meistens die, die man sich am laufenden Band anhören kann, ohne bald einen nervigen Parasit im Ohr stecken zu haben. Die zuvor verstörende Komplexität und Mischung wird langsam zum Genuss. "Requiem for the Indifferent" benötigt zwar viel Zuwendung, diese zahlt sich allerdings zur rechten Zeit auch gebührend aus. Somit haben Epica auf jeden Fall einen Schritt nach vorne gemacht - wobei "vorne" die Richtung der Professionalität und nicht unbedingt die jedes Hörers ist.
Und letztenendes ist ohnehin alles Geschmackssache. Wo wir gerade beim Schmecken sind: "Requiem for the Indifferent" ist wie Kaviar und Möhren. So wie auch Kaviar mag es nicht jeder, obwohl es etwas sehr edles und feines ist, und viele kommen nur auf den Geschmack, wenn sie sich auf die befremdliche Konsistenz einlassen. Und ebenso wie eine Möhre entfaltet es erst dann seine süße Note, wenn man geduldig ist und lange genug darauf herumkaut.
Genau so verhält es sich mit diesem Album. Es ist ein Album für Feinschmecker.
P.S.: Auf meiner limitierten Mailorder-Edition fehlte beim 13. Track "Serenade of Self-Destruction" die kompletten Gesangsspuren (bis auf den Chor). Ich weiß nicht, welche Ausgaben noch davon betroffen sind, und Nuclear Blast sind bereits dabei, sich eine Lösung für dieses Missgeschick auszudenken, aber das ist mit ein Grund, warum ich hier nur 4 Sterne gebe.